AMERIKA

AMERIKA!

von Franz Kafka

In der Jugendtheaterwerkstatt Spandau:

Premiere: Sa 30.8.2008 19 Uhr
Weitere Aufführungen: So 31.8. 16 Uhr
Fr 5.9.2008 19 Uhr | Sa 6.9.2008  19 Uhr | So 7.9.2008  16 Uhr
Fr 19.9.2008  19 Uhr | Sa 20.9.2008  19 Uhr | So 21.9.2008  16 Uhr
Fr 26.9.2008  19 Uhr | Sa 27.9.2008  19 Uhr | So 28.9.2008  16 Uhr

Gastspiel im THEATER AN DER PARKAUE:

Fr 16.1.2009 19 Uhr | Sa 17.1.2009 19 Uhr
Mo 19.1.2009 10 Uhr | Di 20.1.2009 10 Uhr
Mi 22.4.2009 18 Uhr | Fr 24.4.2009 10 Uhr
Sa 25.4.2009 20 Uhr im Rahmen der langen Nacht der Opern und Theater
Mo 27.4.2009 18 Uhr | Di 28.4.2009 18 Uhr
 

Regie: Carlos Manuel
Bühne:
Fred Pommerehn
Kostüme:
Elke von Sivers
Theaterpädagogik:
Hartmut Schaffrin

Darsteller:
Manuel Abatecola, Michael Arndt-Gastaud, Doris Benjack, Brigitte Böttcher, Dustin Böttcher, Nadine Böttger, Gökhan Caliskan, Martin Daerr, Maria de la Calle, Jeanette Franke, Joachim Giera, Lutz Hartmann, Frederic Heidorn, Lukas Hoffmann, Joachim Kelsch, Nele Keshishian, Rudi Keiler Gómez de Mello, Marion Lemker, Leonore Liebich, Katherina Lörsch, Carlos Manuel, Gianni Masarié, Natalia Matthies, Peter Maza Liszt, Vivien Münch, Lena Neuber, Mathias Neuber, Amarilis Pena Medirsa, Marfa Polikarpova, Martina-Malte Rathmann, Arthur Romanowski, Zahra Said, Alexandra Schessler, Michael Schmidt, Henrik Schnittger, Renate Schönfisch, Anna Siegert, Raphael Thiele, Monika von Oertzen, Thomas Wojczewski

Dramaturgiegruppe:
Doris Benjack, Gökhan Caliskan, Jeannette Franke, Carlos Manuel, Rudi Keiler Gómez de Mello, Teresa Michonska, Marion Lemker, Waldemar Tyminski, Thomas Wojczewski

Assistenten:
Regie und Dramaturgie: Teresa Michonska, Kostüm: Alla Mazurtseva, Sabine Selzer, Theaterpädagogik: Rudi Keiler Gómez de Mello, Produktion: Philipp Krüger

Technische Leitung:
Anja Hoffmann,

Technikteam:
Tim Bittins, Leyla Barfknecht, Björn Petersen, Viktor Zubets, Alexander Schmidt, Henrik Schnittger, Waldemar Tyminski, Marvin Wrobel

Bühnenkonstruktion:
Till Bredthauer und Lichtblick-Bühnentechnik

Koproduktion:
JugendTheaterWerkstatt Spandau & Theater an der Parkaue

Dauer:
170 Minuten mit 2 Pausen

Inhalt:
Der 16jährige Karl Rossmann - von seinen Eltern nach Amerika geschickt, weil er von einer Hausangestellten verführt worden ist, die ein Kind von ihm bekommen hat – reist per Schiff nach New York. Schon im Hafen angekommen geht er zum Kapitän, um sich für einen ungerecht behandelten Schiffsheizer einzusetzen. Völlig unerwartet trifft er dort auf den Senator Jakob, der sich ihm als sein reicher Onkel zu erkennen gibt und ihn zu sich nimmt.
Karls gesellschaftlichem Aufstieg in der neuen Welt scheint nichts im Wege zu stehen. Als er aber die Einladung eines Geschäftsfreundes des Onkels, Herrn Pollunder, zu einem Landhausbesuch eigenmächtig annimmt, wird er vom Onkel verstoßen.
Der auf die Straße geschickte Karl lernt zwei Landstreicher kennen, den Franzosen Delamarche und den Iren Robinson, die sich seiner annehmen. Karl nimmt eine niedrige Anstellung als Liftjunge in einem riesigen Hotel an. Als Robinson ihn dort aufsucht, verliert Karl seine Arbeit.
In der Wohnung, die Delamarche und Robinson mit der Diva Brunelda teilen, wird Karl gegen seinen Willen als Diener angestellt und ausgenutzt.
Karl bewirbt sich beim „Naturtheater von Oklahoma“, das allen Menschen eine Beschäftigung verspricht.

Entstehung:
Alle zwei Jahren produziert die JTW ein Theaterstück unter professionellen Bedingungen. Begleitet wird das von Ausstellungsprojekten, Workshops in Schulen, Senioreneinrichtungen und im Stadtteil. Jeder, der will kann von Anfang an, also schon an der Entwicklung der Produktion, mitarbeiten ob als Darsteller, als Assistent oder im Technikteam. Im Vorfeld der Proben entstand in einem halbjährigen Dramaturgie-Projekt, an dem über 50 Menschen teilnahmen, aus Kafkas Roman der Theatertext von AMERIKA! Viele der Darsteller haben an diesem Entwicklungsprozess teilgenommen. Die dann nur knapp 9-wöchigen Proben fanden täglich zwischen 15 und 22 Uhr und am Wochenende von 13 bis 19 Uhr statt. Die Darsteller nahmen im Durchschnitt wöchentlich an drei zweistündigen Einzelproben sowie an den Ensembleproben an beiden Wochenendtagen teil. In der Endphase aber waren die meisten an sechs Tagen der Woche im Theater.

DER TAGESSPIEGEL 18.01.2009 Christoph Funke:


Verlorene Paradiese

Tugend zeichnet Franz Kafkas Held Karl Roßmann aus. Der Sechzehnjährige, von seinen Eltern zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Amerika geschickt, lebt in einer Welt, die es nicht gibt. Gerechtigkeit, Kameradschaft, Solidarität, Sauberkeit, so schildert es das Romanfragment Amerika, sind ihm Richtschnur. Im so hoffnungsvoll betretenen neuen Kontinent muss Roßmann mit diesen Grundsätzen scheitern, naive Unschuld hat im gesuchten, aber längst verlorenen Paradies keine Chance. Die unvollendete, 1912 begonnene Erzählung ist schon oft auf die Bühne geholt worden, jetzt von der JugendTheaterWerkstatt Spandau in Zusammenarbeit mit dem Theater an der Parkaue – ein Ereignis. Vierzig Darsteller im Alter von 15 bis 65 Jahren und zehn Assistenten erarbeiteten sich Text und Aufführung unter Leitung von Carlos Manuel. Ihnen gelang ein quicklebendiger Theaterabend (zuerst im August 2008 in Spandau gezeigt) mit einprägsamen Bildern und fast quirliger Beweglichkeit, die auch die Zuschauer zu Ortswechseln zwingt. Eine steile Schräge, mit Treppen und Durchschlupfen (Bühne: Fred Pommerehn) nimmt die Szenen auf. Karl Roßmann ist mehreren Darstellern anvertraut, und dieses Prinzip des gleitenden Rollenwechsels bestimmt die dreistündige Aufführung - Männer spielen Frauen, Frauen Männer, die Protagonisten mischen sich wieder in den Chor und gehen aus ihm hervor. Streikszenen, Wahlkämpfe, Vorstadtabenteuer sind hineingeschnitten, Operettenseligkeit klingt auf, parodistische Opernschluchzer kommen zu Gehör, es wird getanzt und gesungen. Vom Eingangsbild auf der Hinterbühne bis zum Engelchor des „Naturtheaters von Oklahoma“ herrscht unbändige Spielfreude - und staunenswerte pantomimische und sprachliche Disziplin. (Im Theaters an der Parkaue wieder am 19. und 20. Januar)



die tageszeitung 19.01.2009 Daniela Saleth:

Auf neuem Boden

Vierzig Schauspieler, zwei Bühnen, ein Amerika: Unter Carlos Manuels Leitung inszenieren gerade vierzig Amateure gar nicht amateurhaft Kafkas ersten Teil seiner dreibändigen "K."-Romanfolge im Theater an der Parkaue

"Willkommen in Amerika!", wo es Konfetti vom Himmel regnet, wo alle Menschen freundlich sind und man sich von ganz unten nach ganz oben hocharbeiten kann. So in etwa muss sich der junge Kafka, der selbst nie dort gewesen ist, das Land der Träume vorgestellt haben, als er 1912 mit den Entwürfen zu seinem nie vollendeten Erstlingswerk, das heute unter dem Titel "Amerika" oder "Der Verschollene" bekannt ist, begann: Amerika! Land der schrillen Farben und des aufgesetzten Lächelns, wo man in plakativen Sätzen spricht und niemand zuhört. Land der unbegrenzten Möglichkeiten und gleichzeitig Land der unbegrenzten Ausbeutung. Amerika! Und so, in seiner zwiespältigen Doppelmoral, versucht auch Regisseur Carlos Manuel mit einer gehörigen Prise Humor die Szenerie darzustellen, in der sich Kafkas Protagonist, der 16-jährige Karl Roßmann, zurechtfinden muss. Erarbeitet hat er "Amerika!" mit der JugendTheaterWerkstatt Spandau, nun ist die Produktion ans Theater an der Parkaue umgezogen. Das allein vierzig Schauspieler zählende Ensemble besteht dabei aus Rentnern, Arbeitern, Studenten, Hartz-IV-Empfängern und Schülern. Jeder, der sich auf der Bühne oder als Mitarbeiter ausprobieren wollte, hatte dazu bei dieser Koproduktion unter professioneller Leitung die Gelegenheit.

Das Resultat ist eine sich sehr genau an die Vorlage haltende, dreistündige Ode an ebenjenes Land, das zum Zeitalter der Industrialisierung viele große Köpfe hervorbrachte, aber auch viele Köpfe verschlang. Gewitzt und ironisierend bedienen sich Carlos Manuel, Fred Pommerhen (Bühne) und Elke von Silvers (Kostüm) dabei ungeniert und mit klassischem Theaterwerkzeug jeglicher Klischees, die Amerika bereits hervorbrachte. Billige Musical-Töne übertönen da die anklagenden Stimmen eines Arbeiterstreiks, das amerikanische Blondchen hat außer Sex und Entertainment nichts im Kopf, und Miss Americas, Indianer und Cowboys tänzeln über die Bühne. Der Zuschauer wird dabei in das Geschehen mit einbezogen und Teil des zweiteiligen Bühnenbildes. Aus der Perspektive der am Hafen stehenden Wartenden betrachtet er Karls Ankunft im Wunderland und betritt dann gemeinsam mit ihm über die (Bühnen-)Planken amerikanischen Boden. Später folgt er dem Protagonisten zur letzten Station und wird einer von vielen, deren letzte Hoffnung eine Anstellung beim Großtheater Oklahoma ist.

In dieser angenehmen Atmosphäre, in der auch einmal mitten in einer Szene geklatscht werden darf, fühlen sich die meisten Schauspieler sichtlich wohl. Besonders Rudi Keiler Gómez de Mello und Michael Schmidt gehen in ihren Rollen als das irisch-französische Schurkenpaar Robinson und Delamarche ("Dell am Arsch") voll auf. Unter den vier jungen Darstellern für die Figur des Karl Roßmann brilliert ebenso Thomas Wojczewski, der das Dilemma des korrekt-höflichen Deutschen unter lauter oberflächlichen Amerikanern geradezu liebevoll darstellt. Vermisst wird jedoch trotz all des Ideenreichtums der geplante moderne Kontext, der Auswanderung zu Kafkas Zeiten mit der heutigen Problematik von Migration und Identitätssuche verbindet. Sichtbar werden sollte eigentlich, was die Schauspielenden aus ihren eigenen Leben an Erfahrungen mitbringen. Doch daraus wird nicht viel mehr als bereits von Kafka beschrieben, und das beschränkt sich auf das Beispiel Amerikas. Auch ansonsten geht der gesellschaftskritische Ansatz allzu oft in verharmlosenden Elementen unter, und die Grenzen von Ironie und Parodie verwischen. Das ist zwar gut für die Lachmuskeln, unterstützt aber nicht die Aussagekraft des Stückes. ("Amerika", wieder 19. + 20. Januar, 22.-28. April, Theater an der Parkaue)



MÄRKISCHE ODERZEITUNG 23.01.2009 Antje Scherer:

Jeder ist ein Karl!


Berlin (GMD) Etwa zur Halbzeit wird es unruhig im Saal: "Das ist doch ein Kerl?", kommt es misstrauisch aus Reihe drei. Tatsächlich ist die Sängerin Brunelda (Gianni Masarié) ein glatzköpfiger "Kerl" im Kleid - der im echten Leben bei Siemens am Band arbeitet. Sonst aber ist dieses Publikum im Theater an der Parkaue sehr diszipliniert, was erstaunt, besteht es doch an diesem Morgen ausschließlich aus Schülern, die im Klassenverband ein mehr als dreistündiges Stück absitzen (müssen). Und Amerika! ist eine Zumutung: 40 Darsteller in wechselnden Rollen, die Hauptrolle ist gleich vierfach besetzt, die Zuschauer müssen der mobilen Bühne (Fred Pommerehn) immer wieder nachfolgen, teilweise nimmt die collagenartig erzählte Handlung groteske Züge an - und überhaupt - ein Kafka-Roman auf der Bühne, für 15-Jährige. Wer kommt auf so etwas? Carlos Manuel kommt darauf. Der gebürtige Angolaner (41) hat bereits am Staatsschauspiel München inszeniert und am Theater Parkaue vor zwei Jahren "Karamasow" auf die Bühne gebracht. Auch das war ein großes Theaterspektakel mit jeder Menge Darstellern und entstand, wie jetzt Amerika!, in der JugendTheaterWerkstatt Spandau. Unter dem Slogan "Wir können jeden brauchen" wurden dort erneut Laien zu einem Theaterprojekt unter professionellen Bedingungen eingeladen. Vor den Brettern, die die Welt bedeuten, stand allerdings ein halbes Jahr gemeinschaftliches Lektürestudium: Der unvollendete Roman Amerika von Franz Kafka (1911-14).

Im Mittelpunkt der Karl Roßmann (Arthur Romanowski, Thomas Wojczewski, Marfa Polikarpova, Nadine Böttger), ein 16-jähriges argloses Geschöpf mit stets staunendem Blick - die personifizierte Unschuld. Die Eltern haben den jungen Deutschen verstoßen und in den Dampfer Richtung Amerika gesetzt. Dort angekommen, stürzt er sich begierig in eine ihm fremde Welt. Und bis zum Ende glaubt er, dass er hier sein Glück machen wird. Da hat er längst allen Besitz verloren, ist aus diversen Anstellungen geflogen und seine Lieben haben ihn verraten. Dieser Karl aber bleibt entschlossen, seinen Anspruch auf Glück einzulösen. In der Theaterfassung reist der Zuschauer mit Karl durch ein fantastisches Amerika (Kafka selbst war nie in der Neuen Welt). Er sieht mit ihm das glitzernde Gesicht des Landes ebenso wie die Fratze - Reichtum, Luxus, Kultur neben Streiks, Obdachlosigkeit und Ausbeutung. Fast hundert Jahre alt, sind in diesem Roman sämtliche Glücksversprechen wie Zumutungen des Kapitalismus bereits durchdekliniert. Karl Rossmann hat Kontakte, ist gebildet und hochmotiviert - und doch verhilft nichts davon ihm zum Glück. Für die Dienstleistungsgesellschaft in Amerika! ist der Einwanderer in keiner Weise qualifiziert. Längst hat er den Traum Ingenieur zu werden fahrengelassen, aber selbst als Liftboy hält er sich nicht lange. Immer schafft er es nur fast, weil ihm das entscheidende Quäntchen Pragmatismus fehlt.

Im anschließenden Publikumsgespräch (mit dem kompletten Ensemble!) zeigt sich, dass die jungen Zuschauer ohne weiteres in der Lage sind, die komplexe Inszenierung zu durchdringen und Bezüge zum Heute herzustellen. Eine Elftklässlerin etwa sagt über die "Vierteilung" der Hauptrolle: "Ich denke, das bedeutet eigentlich: Jeder ist ein Karl!" Die konzentrierte Kritik und Lust am Gespräch beeindruckt am Ende fast ebenso sehr wie die Leistung des Laien-Ensembles. Ein Theatermorgen, der beweist, dass man Schülern eine Menge abverlangen kann: Unbedingt hingehen! (Amerika! im Theater an der Parkaue, Vorstellungen: 22./24./25.4., Karten: 030 55775252)



NEUES DEUTSCHLAND 20.04.2009 Lucía Tirado

»Fangen Sie ruhig ganz unten an«

In »Amerika!« im Theater an der Parkaue sind 60 Darsteller schräg unterwegs

Die Szenerie ist so grotesk wie perfekt. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten offeriert sich als großes Tralala und Überlebensfrage im Stück »Amerika!», der Koproduktion vom Theater an der Parkaue mit der Jugendtheaterwerkstatt Spandau. Dort engagieren sich Künstler, Pädagogen und Techniker für Kinder und Jugendliche bei Projekten mit Schulen, in Kursen und Workshops der Volkshochschule Spandau. Alle zwei Jahre wird ein generationsübergreifendes Theaterprojekt unter professionellen Bedingungen erarbeitet. 2007 war das Junge Staatstheater an der Parkaue bereits Partner für die gelungene Inszenierung »Die Brüder Karamasow« von Dostojewski. Die jetzige Arbeit »Amerika« nach einem unvollendeten, zwischen 1911 und 1914 entstandenen Roman von Franz Kafka, hat Carlos Manuel mit 60 Darstellern inszeniert.

Das Stück erzählt vom Schicksal des 16-jährigen Karl Roßmann, der von seiner Familie zum Onkel nach Amerika geschickt wird. Völlig unvorbereitet trifft er auf die Schön-dich-zu-sehen-Gesellschaft, für die sein Onkel ihn zu dressieren gedenkt. »Dein ist mein ganzes Herz...«, scheint das ganze Land Karl zuzuträllern. Des Onkels reiche Geschäftsfreunde klopfen ihm auf die Schulter, protzen mit ihrem Erfolg und raten: »Fangen Sie mal ruhig von ganz unten an!«.
Der Onkel verstößt Karl unter einem Vorwand. Falsche Freunde und freundliche Helfer begegnen darauf dem jungen Mann. Drei Darsteller setzt der Regisseur nacheinander an den drei wichtigsten Stationen als Karl ein. Das Ende könnte gut ausgehen. Karl lässt sich schließlich vom Naturtheater Oklahoma anheuern. Aber natürlich bleibt alles offen nach dem Romanstoff, der nach den Tagebüchern Kafkas eigentlich »Der Verschollene« heißen sollte. Das Publikum reist, den Spielenden folgend, mit dem Schiff in die Kulisse von Fred Pommerehn ein und steht schließlich am »Bahnsteig«, wenn Karl sich nach Oklahoma aufmacht, um wieder einmal von ganz unten anzufangen.
Für die anderen Orte schuf der Bühnenbildner und Installationskünstler ein Schräge mit zu öffnenden Luken, durch die Publikum wie Darsteller die Standorte wechseln. Die Akteure halten sich hervorragend auf der kräftezehrend ansteigenden Bühne. Auch singen sie auf der Schräge herrlich schräg. Das Nötigste wie das Mögliche gilt für die fantasievolle Kostümierung durch Elke von Sivers für streikende Arbeiter, politischen Ereignisse andeutende Demonstranten oder Oberflächlichkeit symbolisierende, singende Girls. Letztere tauchen mitunter in den unpassendsten Momenten auf – herrlich grotesk.

Das Stück dauert mit zwei Pausen 180 Minuten. Man könnte darüber maulen, muss aber nicht pingelig sein bei solch einem Projekt. Die Darsteller jeden Alters halten es mit Bravour durch. Sie beantworten das Engagement der Künstler mit Hingabe und Disziplin. Alles klappt wie am Schnürchen. Für das Thema Migration/Immigration wählte das Junge Staatstheater die Profis gut aus. Manuel, in Luanda geboren, wuchs in Brasilien auf und studierte in Paris. Pommerehn kam in Madison Indiana/USA zur Welt und arbeitete schon in ganz Europa und den USA. Von Sivers wiederum ist weltoffene Berlinerin.
»Amerika!« wurde durch den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung gefördert. Zu Recht, denn besser kann man sich Theaterarbeit mit jungen Menschen bei generationsübergreifenden Kunst-Unternehmungen kaum vorstellen. Da fängt man eben am besten ruhig von ganz unten an.


Wir danken allen Förderern des Theater- und Ausstellungsprojekts „Migration und Bildung im Falkenhagener Feld“, in dessen Rahmen die Theaterproduktion entstand: Berliner Projektfonds kulturelle Bildung | Stadtteilmanagement Falkenhagener Feld Ost aus Mitteln des Bund-Länder-Programms „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – Die soziale Stadt“ | Fonds Darstellende Künste e.V. | Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung | Bezirksamt Spandau, Abteilung Bildung, Kultur und Sport sowie Abteilung Jugend und Familie | Siemens |Bildungspartner: B.-Traven-Oberschule | VHS Spandau | Medienpartner: die tageszeitung