BOXING NIGHTS- Presse
|
|
![]() |
Datum: 15.01.2000 Ressort: Feuilleton Autor: Andreas Becker |
| Sidestep ohne Souffleuse Kein Theater: Bei der Uraufführung von «Boxing Nights» im Spandauer Klubtheater werden sich die Darsteller heute Abend keine Runde schenken - es gibt richtig was auf die Nase Von Andreas Becker Boxen als Mythos gehört zu Berlin wie steppende Bären. Eine Spandauer Amateurtheater-Truppe schwingt sich nun auf, der Boxgeschichte unserer Stadt den nächsten, hoffentlich nicht finalen, Schlag zu versetzen. Endlich einmal wird der Boxkampf als das gezeigt, was er vor Publikum immer war: Theater. Und dabei verstehen die Amateurschauspieler - die faszinierend echt wirken und teilweise schon auf mehr als zehn Jahre Theatererfahrung zurückblicken - durchaus keinen Spaß. Richtig auf die Nase hauen sie sich, verlieben sich, haben Erfolg und fallen ganz, ganz tief. Fast ein Schnitzlerscher Reigen im Ring. Gelebt, geliebt und gehauen wird rund zwei Stunden lang in einer einzigen Kulisse, deren Schlichtheit überzeugt. Der Ring ist bei den «Boxing Nights» das Leben und deshalb reicht das von Seilen begrenzte Quadrat der Truppe als Bühnen-Deko völlig aus. Organisator Hartmut Schaffrin betreut die mit einer festen Stelle unterfinanzierte Schauspiel AG seit 13 Jahren. Bei den Spandauern zählt vor allem das persönliche Engagement. Und das ist es auch, was die Aufführungen überhaupt möglich macht. Nun könnte man meinen, Theater-Boxkampf sei risikolos für Nasenbeine - in Spandau ist das Gegenteil der Fall. Wenn Ringsprecher Martin Schielke den «Europameister» Serdal Karaca im typischen Sing-Sang-Sprech der Promoter auf seinen Gegner und «Herausforderer» Patrick Gensch loslässt und das erste Mal die Glocke ertönt, dann sieht das Publikum einen echten Boxkampf. Der Film «Fightclub» lässt grüßen - nur das man in Spandau Box-Handschuhe trägt. Trotzdem kam es bei den Proben, die oft eher Training waren, auch zu kleineren Verletzungen. So tropft echter Schweiß auf die Bretter und die Trainer winken mit Handtüchern aus der Ecke ihren Jungs zu. Angefeuert werden die Beiden vor allem durch zwei Frauen, dargestellt von Sabine Dotzer und Julia Schulz. Dotzer mimt erfolgreich die jugendliche, freche Göre, die ihren Macker so lange liebt, wie er in Siegerpose dasteht. Julia dagegen ist die erotische, dunkle Gestalt, die Boxer Serdal im Ring mit einem Strip zu verführen sucht. Betörend, wie sie mit ihm nachts auf dem Boden des Boxrings um Worte und Liebe kämpft. Bis zuletzt diskutierten die rund 25 Aktiven der Jugend-Theater-Werkstatt aufgeregt, ob es dem Stück dienlich sei, dass der «Europameister» sich scheinbar gerade in einer derartigen Leistungskrise befindet, dass «Herausforderer» Patrick klar die Punktrichter und das Publikum auf seine Seite ziehen kann. Das Problem: Beide kämpfen so engagiert und ¸spielen´ dabei so wenig, dass man den Ausgang des Kampfs für Patrick geradezu ahnt. Das aber lässt die Dramaturgie des Theaterstücks, das um den Kampf herum die Aufstieg und Fall der Haudegen erzählt, eigentlich nicht zu. Doch bei Amateuren ist das keine Schande; im Gegenteil, kleine Komplikationen geben dem Abend eine eigenwillige Authentizität. Dramaturg Volker Hornung hat sich ein Jahr lang mit dem Phänomen Boxen beschäftigt und Interviews mit vier Ex-Boxmeistern geführt, die in den Sechzigern und Siebzigern Könige des Rings waren. Diese Gespräche werden im Foyer über Kopfhörer abhörbar sein. Wer aber wird heute bei der Uraufführung als Erster zu Boden gehen? Wird der «Europameister» von Spandau weiter amtieren oder wird ihm Patrick Gensch Frau, Geld und Liebe durch einen Sieg streitig machen? Wetten werden noch angenommen.
|
|