| Eine Welturaufführung des Theaterstücks
von David Spencer
Premiere 11.11.2000 Klubhaus Spandau
Koproduktion mit friend-ship/ freund- schiff e.V.
ausgewählt aus 200 Bewerbern zum Theatertreffen der Jugend 2001 unter
die 20 besten Theaterinzenierungen mit Jugendlichen.
Gastspiel: Schauspielhaus Hamburg 8.4.2001
Regie: Serdal Karaça
Bühnenbild & Licht: Stefan Horn
Lichttechnik: Gilles Stein
Musik: Claudius Mach & Z - way
Tontechnik: Joseph Wucherpfennig
Bühnentechnische Realisation: Michael Schmidt
Bühnentechnik: Chandra Berns, Rainer Mathias Bochnia, Peter Fawcett,
Anja Hoffmann, Harald Kuhn, Andreas Soschynski, Joseph Wucherpfennig
Dramaturgie: Volker Hornung & David Spencer
Übersetzung: Patricia Löffler & Volker Hornung
Specials: Moon-Kyung Youn
Produktionsleitung: Teodora Ansaldo
Fotos: Henning Schossig
Plakat & Postkarte: Harald Neumann, Claudius Mach
Foyer Design: Moon-Kyung Youn
Direction friend-ship & JTW: Hartmut Schaffrin
Schauspieler:
Philpp Austerlitz & Klaus Dieter Kaufman: Roland Bohr
Coco: Sabine Dotzer/ Figen Türker
Chrissy: Christine Siemund
Michael & Anführer: Patrick Gensch
Willi & Soldat: R.K. Gomez de Mello
Martino & Mickey: Manuel Abatecola
Bilo & Verletzer: Eralp Uzun
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| CLÄMOARR/Geschrei zeigt den weiten
Bogen der Gewaltanwendung von Selbstjustiz und Notwehr innerhalb einer
Jugendgang über die Gründungsgewalt einer Widerstandsbewegung
in einem Land der "Dritten Welt" bis hin zum ambivalenten Einsatz
von UN-Friedenstruppen.
Auf globaler Ebene führt uns das Stück in ein
fiktives, asiatisches Land, in dem Bürgerkrieg alle Lebensbereiche
beherrscht. Klaus-Dieter Kaufmann beliefert seit Jahren sowohl die Staatsmacht,
als auch die Widerstandsbewegung mit Kriegsmaterial. Seine persönliche
Geschichte ist untrennbar mit der des Landes verbunden und alles könnte,
oder könnte auch nicht, so weitergehen; doch eines schönen Nachmittags
gewinnt die Freie Volksarmee die Oberhand und will die Gunst der Stunde
nützen, um ein Exempel zu statuieren...
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Der Autor David Spencer,
geboren in Halifax, England, Sohn irischer Eltern,
lebt seit 12 Jahren in Berlin und unterrichtet szenisches Schreiben an
der HdK Berlin.
Er verbindet in seinen bisherigen Arbeiten künstlerische Professionalität
mit fundierter sozialer Erfahrung.
CLÄMOÄRR/GESCHREI ist sein zehntes Theaterstück.
Edward Bond in einem Brief vom Juni 2000 an David Spencer
über CLÄMOARR/GESCHREI:
" Ich weiß nicht, wer es aufführen könnte: aber es
ist ein genaues Abbild des rohen Klumpens einer verletzten und zerbrochenen
Welt, ein genaues Abbild des Innern der Seifenblase unserer Gesellschaft.
In Clämoarr sind die Auswirkungen politischer, sozialer und persönlicher
Probleme deutlich sichtbar - und unlenksam.
Doch wer hat einen Sinn dafür, was Theater kann und tun sollte?
Wer hat das Verständnis und die Kraft, den Ort dies zu tun?
Clämoarr sollte aufgeführt werden."
Der Regisseur Serdal Karaça erarbeitete das Stück
mit fünf Spandauer Laienschauspielern zwischen 16 und 19 Jahren (deutscher,
kurdischer, russischer, türkischer und kubanischer Abstammung) und
einem professionellen Darsteller.
Ein besonderer Reiz der Arbeit ist die adäquate Übertragung
der englischen Bilder und Jugendsprache in die Vorstellungs- und Ausdruckswelt
Spandauer Jugendlicher aus dem Falkenhagener Feld.
" The world is ruled by violence ---- but this is
better left unsaid."
Das Stück zeigt, was Bob Dylan lieber nicht gesagt haben möchte.
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JugendTheaterWerkstatt: Was erwartest du dir davon,
dass Jugendliche der JugendTheaterWerkstatt dein Stück hier in Spandau
spielen?
David Spencer: Die Jugendlichen hier stehen mit
beiden Beinen in ihrer Welt und das könnte eine gewisse Authentizität
in der Darstellung mit sich bringen. Auch ist das Publikum hier ein anderes
als in staatlichen Theatern. Es ist ein Publikumskreis, der sonst nur
schwer ins Theater zu locken ist. Ich glaube immer noch an den Spruch,
dass Theater Menschen verändern kann. Die Arbeit mit diesen Jugendlichen
zeigt ihnen, dass es für sie doch noch eine Reihe von Möglichkeiten
gibt. Sie spielen Theater und es ist nicht mehr etwas, das DIE DORT machen.
Sie machen es selbst hier und jetzt.
In mehreren Fallbeispielen zeigst du in CLÄMOARR
Variationen der Selbstjustiz. Wie kamst du gerade zu dieser speziellen
Erscheinungsform von Gewalt?
Philipp Austerlitz ist eine ganz klassische Volksfigur.
Er tritt auf und sagt: "So geht es nicht Jungs! Dies ist ein Volkspark,
wo die normale Bevölkerung spazieren geht. Und die wollen keine Drogen
und die wollen auch nicht ausgeraubt werden." Ich glaube das ist
für ihn eine Selbstverständ-lichkeit und seine These ist nicht
falsch, falsch sind nur die Mittel, zu denen er greift. Er nimmt sich
sein Recht mit seinem Baseballschläger und seinem Pitbull. Das ist
nicht anders als bei Charles Bronson in Death Wish.
Ein Mann sieht rot.
Ja. Ich wollte immer eine Death Wish Parodie schreiben,
wo Leute in einem Park am Picknicken sind und eine Horde Pitbulls taucht
auf und fressen die und dann geht es auf Pitbulljagd durch die ganze Stadt
und alle Pitbulls werden abgeknallt.
In einer Szene scheint es mir, als sprängen die
Figuren aus einer Filmleinwand heraus und sagten dem Zuschauer: "So
mein Lieber, jetzt geht es dir an den Kragen!"
Genau. Am Anfang sieht man eine sehr dokumentarische
Situation und wenn es gut dargestellt ist, könnte der Zuschauer glauben
dies alles passiert sowieso, ob wir nun dabei sind oder auch nicht. Im
nächsten Teil wird unser Intellekt angesprochen. Wir beobachten eine
fast filmische Situation. Es wird in einer asiatischen Fremdsprache gesprochen,
die nur verständlich ist, wenn Sprache und Handlung zusammen gehen.
Da erleben wir, dass Sprache nicht mehr funktioniert, sie funktioniert
noch nicht einmal mehr, um ein Glas Whiskey zu bestellen. Und wie könnte
Sprache dann helfen eine Kriegssituation in Ordnung zu bringen? Was gibt
es für Verhandlungsmöglichkeiten, wenn die Sprache nicht funktioniert?
Man führt das Publikum langsam an der Leine in das Stück hinein
und bietet ihm eine Lösung an, die grausam ist und diesen Schock
muss das Publikum erst einmal verkraften. Und fast wie in einer klassischen
Horrorgeschichte kommt die Hand aus dem Grab und greift direkt an.
Und sie sind nicht mehr nur Zuschauer, sondern selbst
Geiseln in einem Geiseldrama.
Genau. Und dann, beim Auftritt der Kavallerie, jubeln
sie vielleicht, da sie nun gerettet sind. Ich will mit diesem Gefühlsstrom
spielen, weil er ein Teil der Unterhaltung und ein Teil der Botschaft
ist. Ganz am Ende taucht wieder unsere Selbstjustizfigur PHILIPP auf und
diesmal ist er Mitglied einer UN-Friedenstruppe und wir sind wieder in
der anfänglichen, dramatischen Situation und das ist dann eine wirklich
völlig verkehrte Welt. Alles zusammen bildet eine sehr runde Erfahrung,
das Stück hat fast eine klassische, aristotelische Struktur. Ich
glaube, dass die Zuschauer am Ende zuallererst einmal Ruhe brauchen, um
dann langsam, ganz langsam miteinander darüber sprechen zu können,
um Thesen miteinander zu testen, um zu einem Verständnis zu kommen.
Das nenne ich demokratisch. Ich denke schon, dass das Theater eine demokratische
Funktion haben kann, denn es bringt Menschen zu einem gemeinsamen Erlebnis
zusammen. Es hat auch diese rituelle Komponente, die ich für sehr
wichtig halte, denn ich denke, dass unsere westliche Gesellschaft sehr
arm ist an sinnvollen, menschlichen Ritualen.
Was verstehst du in diesem Zusammenhang unter einem
Ritual?
Da möchte ich Jim Morrison zitieren:"A ritual
is something that gives form to energy." Es ist doch kein Wunder,
dass Jugendliche lieber in eine Technodisco gehen, als in die meisten
Theaterstücke. Dort fühlen sie sich vernetzt, Intensität
funktioniert über den Körper etc., etc. und es ist sehr schwierig
etwas Entsprechendes im Theater anzubieten. Deshalb fühle ich mich
als Theaterschriftsteller ab und an verpflichtet etwas auf die Bühne
zu bringen, das richtig knallt. Ich will die Zuschauer letztendlich auf
einen Trip schicken.
Das Interview führte Volker Hornung |
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