FAMILIENDRAMA * * *

KARAMASOW

Einer der größten und komplexesten Romane der Weltliteratur, ein 30-köpfiges Laienensemble, runde vier Stunden Spielzeit und als Zielgruppe Jugendliche ab 15 Jahren - kann das allen Ernstes gut gehen? Und wie!
Die JugendTheaterWerkstatt Spandau macht aus Dostojewskis weit verzweigter Vorlage ein Generationsdrama mit einer Wucht, dass einem die Luft wegbleibt.
Der Kampf der drei ungleichen Brüder im ihre Identität, der später auch noch zum Krimi wird, findet an verschiedenen Schauplätzen im Theater statt. Im Hof wird der zwischen Glauben und Lebenslust schwankende Aljoscha gemobbt, im Keller liegt sein geistiger Mentor aufgebahrt. Die Wanderung durch das Haus gibt Raum zum Durchschnaufen bei all den verschlungenen Handlungssträngen und den Textmassen. Dabei sind die Figuren absolut heutige Menschen. Ihre rasende Suche nach dem eigenen Lebensentwurf und die Rebellion gegen einen ebenso übermächtigen wie kaltschnäuzigen Vater könnten direkt in der Nachbarschaft stattfinden.
Regisseur Carlos Manuel bleibt ganz nah bei seinen Protagonisten. Fulminant meistern die zwischen 10 und 64 Jahre alten Mitspieler die Gratwanderung zwischen Stilisierung und emotionaler Beteiligung. Die Texte fliegen über die Bühne wie Rohdiamanten - immer in Hochspannung, aber nie überzogen. Das Mütterchen-Russland-Klischee schaut nie um die Ecke, obwohl sich die Regie vor bemühten Aktualisierungen hütet. Humana-Klamotten und die punktgenau trashigen Bühnenbilder sind die einzigen Referenzen an die Gegenwart. Anpassung oder Auflehnung, Gerechtigkeit oder Ausschweifung - solche Fragen brauchen keine aufwändige Verpackung, wenn sie so hautnah gestellt werden wie hier. Gut dosiert sind chorische Elemente und Gesang dazwischen geschoben. Hut ab vor dieser Truppe!


zitty 20-2007, 27. September, Gerd Hartmann