Theater von Maxim Gorki / Ausstellung über das Falkenhager Feld
Premiere 16. Oktober 2004 im Klubhaus Westerwaldstraße

 
Sechsundzwanzig und Eine  
   

Erzählung von Maxim Gorki
Theater 15 Min.

Regie Carlos Manuel
Bühne Fred Pommerehn
Kostüme Elke von Sivers

Bäckermeister Sarah Protte
Kringelbäcker Hannah Freund, Teresa Michonska, Sonja Roghmann, Sandra Schroeder-Wildberg
Brotherr Martin Daerr
Brötchenbäcker Marco Euent, Holger Heissmeyer, Florian Krauß, Heinrich Zimbelmann
Soldat Lukas Hoffmann
Stubenmädchen Tanja Judith von Sivers

 

 

roecke
Nachtasyl  
   

von Maxim Gorki
Theater 105 Min.

Regie Carlos Manuel
Bühne Fred Pommerehn
Kostüme Elke von Sivers

Michael Krücke Martin Schielke
Wassilissa Angelika Laumer
Natascha
Sarah Oehlkers
Hauptwachtmeister Abram Michael Arndt-Gastaud
Pepel Eralp Uzun
Klesch (Zecke) Andreas Kerbs
Anna Vidya Maren Claus
Nastja (Naddel) Figen Türker
Herta Sabine Dotzer
Bub Boris Bracht
Satin Matthias Kelle
Schauspieler Lutz Hartmann
Baron Aljoscha Rheinwalt
Luka Martina-Malte Rathmann
Aljoschka Heinrich Zimbelmann und Holger Heissmeyer
Knallkopf Florian Krauß
Tatar Marco Euent

 

Tote
Aubau West  
   

Ausstellung über das Falkenhagener Feld

Leitung Hartmut Schaffrin


Bilder vom Falkenhagener Feld Jürgen Henze, Fabien Stefan
Eine neue Herausforderung bundesweit, DV, 5 Min. Angélica Chio
... und von der Farbe die fehlt, DV, 20 Min. Matthias Schröter
Menschen im Falkenhagener Feld, Interviews und Grafiken Desiree Dümke, Nicole Vogel
Aus der Sicht und mit den Worten von ..., DV, 15 Min. Patryck Witt
Reise nach Spandau, DV, 20 Min. Serdal Karaça, Gunnar Emmerich
Fön und Bratwurst, dramatische Texte von Schülern René Bartels, Boris Bracht, Conny Diem, Ines Escher, Lars Gossing, Christine
Nußbaum, Martin Schielke,
Projektidee Gudrun Herrbold
Lebenskreation, Installation aus Zeitunen Moon-Kyung Youn
12 gute Ideen zum Überleben im Falkenhagener Feld Anne Diel, Hannes Reuter
Der Umsonstladen, Aktion Linke Bande Spandau
Grüße aus dem Falkenhagener Feld, Aktion Conny Diem, Lars Gossing

 

Westerwaldstrasse

Presse

 
   

Zitty 24/2004
Autor: Dirk Pilz
Nachtasyl / Aufbau West
JugendTheaterWerkstatt Spandau

SOZIALDRAMA
Das Theater fängt vor dem Theater an. In einem kleinen Ausstellungsraum, wo Bilder über die Geschichte des Falkenhagener Feldes hängen, jenes Ortes, in der die JugendTheaterWerkstattSpandau ihren Sitz und 40.000 Menschen ihre Heimat haben, wird die Erzählung Sechsundzwanzig und eine von Maxim Gorki als strenge Chorchoreografie gegeben. Es geht darin um die unerbittliche Dialektik des Kapitalismus, um Arm und Reich und damit auch um Themen, die sich am Rande der Stadt deutlicher zeigen als in ihren hektischen Zentren.
Derat geschärft für die Lage der Dinge ist in der schönen Bühne von Fred
Pommerehn dann Gorkis Nachtasyl als erbarmungslose Überlebensschlacht zu erleben. Die Palette der Sozialdramatik wird dabei schonungslos abgeschritten: häusliche Gewalt, Schulden, Hörigkeit, Verarmung. In einmodernisierter Sprache ist eine Bearbeitung des Stückes zu erleben, die sehr direkt lokale Bezüge herstellt.
Das Theater erlangt dabei seltene Dringlichkeit. Regisseur Carlos Manuel, der nicht nur in Spandau, sondern auch an größeren Stadttheatern arbeitet, hat aus dem starken Laien-Ensemble eine homogene und erstaunlich spielwitzige Truppe geformt. Die Bühne als Sprachrohr sozialer Nöte.

Berliner Zeitung
Datum: 22.10.2004
Ressort: Feuilleton
Autor: Julia Bauer
Seite: 29

Nachtasyl zwischen Plattenbauten
Die Jugend Theater Werkstatt Spandau sucht Auswege

"Wozu lebt man denn? - "Man lebt um zu sterben."

Das Falkenhagener Feld ist ein Stadtteil Spandaus und ein Problemkiez. In den Plattenbauten wohnen etwa 40 000 Menschen - oft in Angst, denn die Kriminalität hat stark zugenommen. Das soll sich nun ändern: Die Jugend Theater Werkstatt Spandau, die seit 1987 versucht, Jugendliche durch Schauspielerei von der Straße zu holen, zeigt jetzt in einer Ausstellung - begleitend zu den Vorstellungen - Möglichkeiten für eine sinnvolle Freizeit. Generationsübergreifende Computerworkshops oder ehrenamtliche Aktionen zur Quartiersverschönerung sind nur zwei der Ideen. Es passt zu ihrem Leben im Problemkiez, dass sich die Laienschauspieler zwischen elf und 61 Jahren in diesem Jahr für Maxim Gorkis "Aufbau West/Nachtasyl" entschieden haben. Gorki beschreibt die Resignation von Alkoholikern, Prostituierten und Dieben, in die durch das Auftauchen von Luka zwar ein Hoffnungsschimmer kommt, wodurch die Trostlosigkeit allerdings auch erst ins Bewusstsein tritt: "Wozu lebt man denn?"- "Man lebt um zu sterben." Der Regisseur Carlos Manuel, der schon 2002 mit der Theatergruppe und dem Stück "Peer Gynt" an den Berliner Festwochen teilgenommen hatte, erkannte die Bezüge, die zwischen diesem Stück und dem Leben im heutigen Problemkiez bestehen. Jede einzelne Person trägt Tragik in sich - und diese nimmt man den 18 Laienschauspielern auch ab. Durch die Kürze der Auftritte aber auch die einengende Atmosphäre von Fred Pommerehns Bühnenbild wird deutlich, wie unwichtig man sich in einer solchen Umgebung oft fühlen muss. Vielleicht kann so in den Besuchern aus dem Kiez der Wille geweckt werden, an ihren Lebensumständen etwas zu ändern.

Klappen
Berichte  
   

Diskussion zur sozialen Lage im Falkenhagener Feld 24.Oktober 2004

In der Kulisse der Ausstellung Aufbau West diskutierten am 24.Oktober 2004 nach einer Vorstellung von Nachtasyl die Theaterbesucher und Einwohner des Viertels mit Experten:

Hartmut Schaffrin, Leiter der JTW und des Projekts, beschrieb das Entstehen der JTW aus Zufall und aus dem Geist der 80er Jahre. In einem Stadtteil von 40.000 Einwohnern, wo vormals keinerlei künstlerische Arbeit vorhanden gewesen sei, und auch heute kaum soziokulturelle Projekte zu finden seien, stelle die JTW nach nun 17 jähriger Arbeit eine soziale und kulturelle Konstante dar. Auch sollte es im nächsten Jahr weitere finanzielle Einschnitte geben, werde die JTW das künstlerisch verarbeiten und trotzig noch größere Projekte realisieren.

Carlos Manuel, Regisseur am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Thalia Theater Halle und am Hans-Otto-Theater Potsdam, verwies auf die Wirkung und Bedeutung, die das Stück Nachtasyl über die Grenzen des FF hinaus entwickle. Das Stück sei für das Viertel relevant, beziehe sich aber nicht direkt darauf, sondern verhandle Problemstellungen, die auf der ganzen Welt zu finden seien. Wie kommt man aus der Passivität und Opferhaltung heraus?

Andrej Holm, Stadtsoziologe an der Humboldt Universität zu Berlin, sprach über die in der Stadtsoziologie diskutierten Problemanalysen und Prognosen für Großsiedlungen. Der Aufbau dieser Siedlungen sei zunächst gefördert worden, nun aber ziehe sich der Staat aus seiner Verantwortung zurück. Das Fehlen sozialer Einrichtungen, auch für die zahlenmäßig schnell anwachsende ältere Bevölkerung, verstärke Individualisierung und Perspektivlosigkeit in der Bevölkerung.

Detlef Mischorr, Polizeihauptkommissar und Präventionsbeauftragter des Abschnitts 21, informierte über seine Tätigkeit als Präventionsbeauftragter. Er diagnostizierte im Viertel ein Ansteigen der Kleinkriminalität und einen zunehmenden Verlust des Sicherheitsgefühls und will in Reaktion darauf gesellschaftliche Kräfte (Kirche, Lehrer etc.) bündeln und Präventionsräte schaffen.

Heike Ließfeld, ehemalige SPD-Abgeordnete und eine der immer noch zahlreich hier wohnenden Erstbezieherer der Großraumsiedlung, bedauerte die fehlende Solidarität der Bewohner untereinander, wie sie im vergleichbaren Märkischen Viertel gleich in den ersten Jahren durch eine fehlerhafte Heizkostenabrechnung entstand. Sie berichtete aus der Geschichte des Stadtteils, von der Freude der ersten Jahre, überhaupt eine Wohnung zu bekommen, von Auseinandersetzungen um das Jugendzentrum Klubhaus in den 70er Jahren, von der Diskussion über eine Fußgängerzone um die Westerwaldstraße herum, und sie beklagte das Fehlen von Orten der Begegnung aber auch von aktiven Persönlichkeiten im Viertel.

Unter den Besuchern meldete sich Kay Wuschek, zukünftiger Intendant des Berliner carrousel Theaters, zu Wort und lobte das künstlerische Niveau der Aufführung. Ein holländischer Architekt sprach von der gesellschaftlichen Bedeutung von Projekten wie der JTW. Ältere Bewohner des Viertel freuten sich über die Möglichkeit in eine Ausstellung und in ein Theatersück gehen zu können. Auch Jugendliche aus dem Stadtteil waren anwesend, beteiligten sich aber nicht aktiv am Gespräch. Und so blieb es eine Reflexion der Erwachsenen über die Lage und die Notwendigkeiten vor Ort, teils in Sorge über wachsende Probleme, teils aber auch in Freude über das gelungene Projekt und diesen Abend der Auseinandersetzung.

Klammern
Katalog  
 
Katalog NACHTASYL / AUFBAU WEST (pdf 2,3MB )
Kataloggestaltung: Angélica Chio

Gefördert durch: Aktion Mensch, Bezirksamt Spandau, VHS Spandau, Niemeier Baumaschinen