PEER GYNT

 


 


Peer Gynt

von Henrik Ibsen


Vorstellungen:
28. Juli - 14. Oktober 2001

Wiederaufnahme im Programm der Berliner Festwochen:
20. September - 6. Oktober 2002

Regie: Carlos Manuel
Bühne und Licht: Fred Pommerehn
Produktionsleitung: Hartmut Schaffrin
Kostüme: Steffi Wurster
Musik: Boris Bracht und Claudius Mach
Technik & Organisation: Anne Diel, Anja Hoffmann,
Beatrice Korff, Candida Pinto, Daniel Hartmann, Gilles Stein, Lena von Billerbeck, Michael Schmidt, Sibylle Ettengruber, Torsten Wolff, Volker Hornung

Darsteller: Aliki Schäfer, Annemarie Susallek, Bernd Sieben, Boris Bracht, Carlos Manuel, Chandra Berns, Christine Siemund, Claudius Mach, Diana Römer-Duque, Eralp Uzun, Jane & Steffen, Julia Dreeßen, Katrin Schultheis, Kohlhase, Leonie Rau, Lukas Hoffmann, Lutz Hartmann, Magdalena Rahnenführer, Maria Pavlenko, Martin Daerr, Martin Schielke, Martina-Malte Rathmann, Matthias Schröter, Michael Schmidt, Moon-Kyung Youn, Sabine Dotzer, Sandra Schröder-Wildberg, Sarah Protte, Serdal Karaça, Torsten Wolff, Volker Hornung


Berliner Morgenpost:
30.07.2001, Kerstin Wangeman


«Peer Gynt» - Blender in der Plastikwelt
Premiere bei der Jugend-Theaterwerkstatt

Falkenhagener Feld - Kultur am Rande der Großstadt gibt es fast nur in der Spandauer Zitadelle. Wer die «Peer Gynt»-Inszenierung der Jugend-Theaterwerkstatt Spandau e.V. (JTW) im betonklotzartigen Klubhaus Westerwaldstraße besucht, kann die klaustrophobische Enge inhalieren, die einen überkommt, wenn man sich in die Hochhaussiedlung am Stadtrand verirrt.

Im ersten Teil des Ibsenstückes bietet der schwarze Raum ein Bild vom spießbürgerlichen Kaff, aus dem Flucht die einzige Lösung scheint. Klatsch, Gewalt, Suff, Fremdenfeindlichkeit, etliche gescheiterte Existenzen - das ist der Stoff, dem der junge Blender und Phantast Peer (Eralp Uzun), noch reich an unerfüllten Wünschen, zu entrinnen sucht. Je mehr Bier strömt, um so widerlicher entwickelt sich die Gruppendynamik des Mobs. Mittendrin begegnet er dem fremden, aber reinen Geschöpf, der Zuzüglerin Solvejg, eine Rolle, die Diana Römer-Duque bis zu Peers Ende in liebender Hingabe mit Zurückhaltung, Geduld und Verletzlichkeit ausfüllt. Nach einem Brautraub, der ihm Verfolgung einbringt, und dem Tod seiner Mutter wird Peer von käuflichen Sehnsüchten übermannt. Im zweiten Teil inszeniert Carlos Manuel den reiferen, rastlos-suchenden Peer (Martin Schielke) im Konsumrausch. Las Vegas als schillernde, künstliche Plastikwelt - kaufen, benutzen, wegwerfen. In diesem 24-Stunden-Konsumtempel entwickeln Regisseur Manuel und Bühnenbildner Fred Pommerrehn einen lustvoll-erotischen Bilderrausch, mit einfachsten Mitteln: Plastik und Karton, kunterbunt illuminiert. In dem Moment, wo Peer Geld hat, verblasst der rosarote Glanz der Hüllen, käuflichen Waren und Wesen. Das Verhältnis zwischen Anitra (Sabine Dotzer verrät großes Talent) und dem Propheten Peer, der er nun nicht mehr sein will, illustriert das Missverhältnis heutiger Werte.

Peer verliert alles, noch dazu während der Show. Und wir Zuschauer sitzen inmitten des Mülls, müssen uns auf den Hockern drehen und den Hals verrenken, um dem Master of Ceremony oder Gott (Claudius Mach) zu folgen. Diese Figur - genialer, unbedingt sehenswerter Regiestreich - fügte Manuel nachträglich hinzu. Sie birgt auch den Part des Irrenhausvorstehers Begriffenfeldt in sich. So fand Manuel ein Symbol für den Adressaten all unserer Wünsche und Hoffnungen, aber auch für das Energiefeld unserer Lebenslust und seine Unkontrollierbarkeit. Machs Singstimme erinnert nicht zufällig an Rio Reiser («Wenn ich König von Deutschland wär»). Peers Suche nach seiner Identität endet mit einem Ohnmachtsanfall.

Auf leisen Sohlen kehrt der gealterte Peer (Martin Daerr) abenteuermüde ins Kaff zurück. Nach allen Häutungen bleibt nichts von ihm übrig. Eine Reproduktionsagentin der Genbank erwartet schon seine Erbmasse zur Wiederverwertung. Seine Identitätskrise wird von der ewig-liebenden Solvejg beendet, die ihn im Gedächtnis behielt. Der Wunsch nach Unvergänglichkeit bleibt unerfüllt. 29 Laiendarsteller landen erfahrungsreicher in der Wirklichkeit.


Zitty, 4.09.2001, Dirk Pilz:

Peer rocks in der JugendTheaterWerkstatt Spandau - So etwas hat beinahe Seltenheitscharakter: Ein dreistündiger Theaterabend, der zu keiner Minute behäbig wird.

Eine Inszenierung, die nur so vor witzigen und klugen Ideen, Bildern und Einfällen sprudelt - ohne dass sie für eine fehlende Dramaturgie herhalten müssen. Aber der Reihe nach: Im Kulturhaus Spandau ist Ibsens großes Irrweg-Drama als dreiteiliges Weltpanoptikum zu sehen. Wir erleben einen Selbstsucher, der (s)ein Leben lang einer Chimäre nachjagt. Bis die Lebenslüge ihn einholt.

Eine schwierige Thematik. Von Regisseur Carlos Manuel (zuletzt am Staatsschauspiel München und Thalia Theater Halle tätig) wird sie mit den Laiendarstellern der JugendTheaterWerkstatt als Offenbarungstheater genommen.

Im ersten Teil hockt das Publikum eng beieinander um eine strohbedeckte Fläche. Peer ist ein schnoddriger Bengel im orangefarbenen T-Shirt. Umgeben von Kartons, ausgestopften Viechern und matten Lämpchen stürzt er ins Leben und uns ins Geschehen.

Die zweite Etappe der rasanten Bühnenjagd setzt die Zuschauer mitten zwischen Pappkulissen, Plastikkram und schrille Figuren. Eine Hölle der Oberflächlichkeit in einem irrwitzigen Phantasieraum. Peer ist hier auf Weltreise, ist Kaiser und Popstar.

Peer rockt und rast und rückt uns auf den Pelz. Herrlich. Überall gibt es etwas zu sehen, zu enträtseln. Nichts ist auf den Begriff zu bringen, aber alles ist stimmig. Wie die wunderbaren Pappschachtelräume von Fred Pommerehn, die Musik, das Licht.

Am Ende werden wir dort sitzen, wo alles anfing. Peer hat sich in Spandau zum Zeitgenossen gemausert, ohne auf platte Aktualität zu machen. Das Schlussbild, überhaupt der ganze Abend prägt sich einem bleibend ein. Erstaunlich, was die Regie aus den 29 Darstellern rausholt. Und noch erstaunlicher, wie präzise und durchdacht das alles ist.


Interview mit Carlos Manuel und Fred Pommerehn über PEER GYNT in Spandau

JugendTheaterWerkstatt: Wie entstand die Idee Peer Gynt in Spandau mit der JugendTheaterWerkstatt zu inszenieren?

Carlos Manuel: Es war der Wunsch der JTW ein Stück zu inszenieren, das eine Lebensgeschichte erzählt, wo Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren mitspielen können. Und Peer Gynt ist ganz einfach ein schönes Weltstück, über Hauptthemen, die ich in der JTW gesehen habe. Es geht um unsere wechselnden und verwechselbaren Identitäten: Wer bin ich wo? Wer bin ich hier und jetzt? Fragen, die ich mir jeden Tag stelle. Ganz einfache und banale Fragen, denn ich komme nicht von hier. Und das ist auch die Geschichte von Peer Gynt. Ein Typ, der nie da zu Hause ist, wo er gerade ist. Es geht bei uns hier mit Peer Gynt nicht um ein vorhersehbares Bild oder Modell. Viel wichtiger ist, was die Leute hier anbieten, nicht was sie können, sondern was sie sind, was sie in die Szenen hineinbringen. Ich bin, was ich nicht kann.
Und dies ist auch ein Thema bei Peer Gynt, der sich immer perfekt oder vollkommen gibt, es aber nicht ist. Und das ist der Reiz. (lacht) So.

Fred Pommerehn: Die JTW hat auch in der Vergangenheit immer wieder Stücke unter professioneller Leitung gemacht. Das ist nicht nur ein interessantes, spaßmachendes Projekt. Pädagogisch gesehen, haben wir gelernt, dass durch die Disziplin, die erforderlich ist, so ein Stück auf die Bühne zu bringen, die Leute sehr viel über Qualitäten erfahren, wie sie auch etwas Gelungenes aus ihrem Leben machen können.

JTW: Wie würdet ihr das Besondere eures Inszenierungskonzepts beschreiben?

Carlos Manuel: Das Besondere liegt für mich bei den Schauspielern. Dies ist auch das Material der Inszenierung, das im Probenprozess entsteht. Das ist doch eigentlich immer das, was man sucht: dass unsere Arbeit direkt etwas mit unserem Leben zu tun hat und das finde ich sehr schön.
Fred Pommerehn: Das Besondere an Inszenierungen, die Carlos und ich bisher zusammen hier in Deutschland gemacht haben, ist: beide wohnen wir in Europa und zwar schon lange und beide kommen wir von irgendwo ganz anders her. Und wir machen immer wieder europäisches Theater, Ibsen oder Kleist, vor europäischen Zuschauern, mit europäischen Schauspielern und ich behaupte, dass es da einen sehr interessanten Blick von außen gibt: Was ist Kultur? Was ist Klassik? Was sind die europäischen Werte? Für mich ist wichtig, dass man seine Alltagsbeobachtungen mit einarbeitet, dass man mit diesen Erfahrungen wieder spielt und sie weiter erforscht. Warum machen wir heute überhaupt Theater?
Wir brauchen eine Form, mit der wir über diverse Situationen gemeinsam nachdenken oder etwas teilen können.
Das passiert im Projektprozess und in den Auseinandersetzungen mit dem Publikum.
Wir haben versucht, Ibsen so zu inszenieren, dass es direkt zu uns heute, zu Menschen, die heute hier in Berlin leben, einen Bezugspunkt gibt. Was sind die Themen unserer jetzigen Gesellschaft über die wir diskutieren können?
Carlos Manuel: Ich weiß nicht, ob ich Theater brauche, aber wenn ich in Deutschland kein Theater mache, dann stellt sich mir gleich die Frage, was mache ich als Ausländer hier.
Das Wichtige hier in Spandau oder bei einem Staatstheater ist für mich das Aufeinandertreffen der Menschen mit und in ihrem Bezug zum alltäglichen Leben.

JTW: Durch deine Theaterarbeit lebst du hier mit anderen zusammen.

Carlos Manuel: Genau. Und das ist der Sinn des Theaters für mich. Verschiedene Welten zusammenstellen. Ja.

JTW: Den zweiten Teil "Die Reise" inszeniert ihr als schrägen Trip mit Gott als Master of Ceremony und Irrenarzt. Wie kamt Ihr darauf?

Carlos Manuel: Gott im Theater, das ist der Typ, der das Licht macht, denn im Dunkeln geht garnichts. (lacht) Gott im Theater ist der Motor, die Produktion der Sache selbst.
Der Gott bei Ibsen ist ein absolut theatralischer Gott: Peer ruft: "Mein halbes Königreich für ein Pferd!" Und das Pferd ist da. "Jetzt brauche ich einen Sturm!" Und der Sturm ist da.
Und ein purer Theatergott ist bei uns ein Master of Ceremony.
Ist nicht so kompliziert, ist eigentlich ganz einfach. (lacht)

Fred Pommerehn: Die Reise wurde von uns sehr schnell zur "24 Stunden Welt" umbenannt. Was passiert in unserer alltäglichen Welt? Es wird gekauft, es wird 24 Stunden lang gekauft. Wir gehen nicht einkaufen, wir gehen shoppen. Bei der Umsetzung des Bühnenbilds kamen wir auf die Idee der Las Vegas Show. Warum sollst du irgendwo anders hinreisen, wenn du in Las Vegas deine Sphinx hast, größer als die ägyptische, eine Piratenlandschaft, das alte Rom, das Mittelalter, usw., du hast einfach alles auf einmal und noch Las Vegas dazu. (lacht) Las Vegas liegt mitten in der Wüste und plötzlich erscheint eine völlig artifizielle Plastikwelt, die glüht und glänzt und leuchtet und Kilometer darum ist dunkle Nacht. Da kamen wir auf die Idee mit den Pappkartons, mit denen man eine Art Vorhang macht, der die Zuschauer umzingelt, der relativ glatt und grau und einheitlich ist. Wie könnte sich dann im Lauf des Spielens dieser einheitliche, graue, einfarbige Ort entfalten und sozusagen wie Blumen in diesem Las Vegas wachsen? Dabei sind wir dann auf die Idee gekommen, dass wir Gegenstände wie Flaschen, Gabeln und alles was man so sammeln kann, was glänzt und aus Plastik ist, mit der richtigen Beleuchtung in die Kisten stecken kann und so ein Las Vegas entsteht.

JTW: Eine Art Trash-Las Vegas?

Fred Pommerehn: Für mich ist es kein Trash. Für mich sind es die Gegenstände, die wir alltäglich benutzen, die wir kaufen, daraus trinken und wegwerfen. Und ich denke, wenn sie in einem Kunstwerk eingesetzt werden, dass sie schön werden. Eigentlich möchte ich zeigen, dass diese Dinge richtig schön sind. Die Welt besteht meiner Meinung nach aus Plastiktüten und das kann man zeigen. Plastiktüten können auch hässlich sein und blöd und sie können auch schön sein.
Ich möchte ein Theater machen, wo die Leute wirklich Lust spüren. Und nicht nur denken. Ich möchte mit ihren Körpern reden und nicht mit ihrem Kopf. Wir haben das Thema Konsum, denn in unserer Gesellschaft geht alles um Konsum. Dann kann man bei der Frage "wer sind wir?" "Konsum" antworten. Und was ist übriggeblieben vom Konsum: Plastikflaschen, Plastiktüten, Pappkartons, Plastikgabeln. Und wenn man will kann man die zusammenstellen und sie sind schön. Für mich ist Karstadt am Hermannplatz eine Kathedrale. Das ist natürlich keine Kathedrale, es ist ein Ort, wo man versucht die Leute abzuzocken.

Carlos Manuel: In den Kathedralen haben sie früher auch die Leute abgezockt.

(gemeinsames Lachen)

JTW: Sind leere Kartons und Plastiktüten für euch ein Sinnbild für Peer Gynt 2001?

Carlos Manuel: Kartons und Plastiktüten sind Behälter. Sie enthalten etwas, es müsste etwas drin sein und manchmal sind sie leer und was ist das dann: Behälter die nichts enthalten.
Die große Metapher bei Peer Gynt ist diese blöde Zwiebelmetapher. Eine Zwiebel enthält keinen Kern. Und den sucht Peer Gynt. Wir nehmen kein Zwiebelbühnenbild, wir nehmen Produkte der industriellen Produktion. Peer versucht für sich herauszufinden, "was bin ich gewesen?" und dann sucht er für sich Schubladen: Kaiser, Sklavenhändler, Kapitalist usw. und Schubladen sind auch wieder Behälter. Dann kommt man zu diesem Mythos, diesem Gegenstand, in den jeder seine privaten Gespenster hinein projizieren kann. Das ist für uns die Plastiktüte. Und die Plastiktüten können manchmal auch historische Figuren sein. Hitler ist eine Plastiktüte oder Stalin oder Napoleon oder Jesus Christus ist auch eine Plastiktüte. Du kannst hineinschieben, was du willst. Und auch Gott ist eine Plastiktüte und zwar in dem Sinne, dass du sagen kannst: Für die einen steht Gott für das Gute. Für andere ist Gott gut und böse. Für wieder andere steht er für alle Verwandlungen der Natur. Eigentlich projiziert jeder seinen eigenen Trip hinein. Die Plastiktüte ist auch ein sinnliches Objekt, das man tragen kann. Mein Ding mit Theater ist: wie kann man ein Konzept so ausarbeiten, dass es sinnlich erfahrbar ist.

Das Interview führte Volker Hornung
 

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