KULTURELLE BILDUNG? SPANDAUER VERHÄLTNISSE!
Carlos Manuel | Theater der Zeit 12/06
Die Peripherie als Privileg!
Als ich im Herbst 2000 zum ersten Mal ins Falkenhagener Feld fuhr und
mir das Klubhaus anschaute, wirkte es nicht wie ein Ort Kultureller
Bildung. In diesem Stadtteil Berlins - in den 60er-Jahren als
Arbeiterschlafstadt gebaut und jetzt zur Migrantensiedlung geworden -
traf ich auf eine damals seit 13 Jahre existierende Gruppe, die Kunst
und soziales Engagement nicht als Widerspruch sehen, den Menschen nicht
als Konsumenten von kulturellen Gütern akzeptieren will, sondern ihn als
Produzenten eigener Geschichte fordert. In dieser JugendTheaterWerkstatt
Spandau habe ich seitdem drei Produktionen als Regisseur geleitet. Die
Regel ist einfach: Jeder der Theater spielen will, kann es, d.h. als
Individuum in einer öffentlich spielerischer Begebenheit sich selbst
vertreten! Keine Begrenzung wird gezogen, weder bei der Teilnehmerzahl,
noch beim Alter oder der Theatererfahrung. Talent ist Interesse.
Die sozialen Verhältnisse sind die Bildung der Bürger.
Wir lenken soziale Energie, die sich in Kriminalität, Arbeit, Konsum
oder Depression ausdrückt, ins Theater und verwandeln sie in
spielerische Beziehungen. Der Darsteller baut, der Techniker spielt, der
Regisseur fegt, der Leiter kocht. In den Produktionen stehen annähernd
dreißig Personen mit unterschiedlichsten Profilen auf der Bühne: das
achtjährige Schulkind, die 78-jährige pensionierte Krankenschwester, der
15 Jahre Theater erfahrene Zimmermann, der Hartz-IV-Empfänger, der
orientierungslose Schüler oder der Physikstudent. Der Akzent wird hier
aber nicht auf die Personenbeziehungen, sondern auf die Überprüfung
gesellschaftlicher Strukturen gesetzt. Und diese findet auch sowohl in
Gruppen mit Schülern und Rentnern statt, die von Darstellern geleitet
werden, als auch bei Feld-Untersuchungen für begleitende Ausstellungen
wie „Aufbau West“ (2004) über die Architektur-Utopie für die
Arbeiterwohnstadt Falkenhagener Feld und „Expedition nach nebenan - Eine
Erfindung der Nachbarschaft“ (2006) über die großen Fremden: die
Nachbarn. Den Rahmen dieser Auseinandersetzungen geben uns die
Theaterstücke.
Was nicht begriffen wird, ist nicht begriffen worden.
Anhand dieser Stücke versuchen wir, unsere heutigen historischen
Verhältnissen plastisch zu zeigen: In PEER GYNT will ein Bengel aus der
Peripherie die Welt erobern und vergisst auf der Suche nach dem Sinn des
Lebens, dabei zu handeln. Im NACHTASYL hat die neue Generation sich zu
Konsumenten „ausgebildet“ und frisst letztlich sich selbst. In KARAMASOW
zerbröseln die Lebensentwürfe der jungen Kontrahenten in der Luft, ein
paar andere Leben bleiben auf der Strecke. KARAMASOW entstand aus dem
Wunsch einiger Schauspieler nach mehr Mitbeteiligung an Entscheidungen
bei der Auswahl und Entwicklung neuer Produktionen. Ein Jahr lang haben
wir das Material „Die Brüder Karamasow“ mit einer zwanzigköpfigen Gruppe
untersucht, Romansituationen szenisch überprüft und Erzählperspektiven
hinterfragt. Dann begannen die Proben mit dreißig Darstellern. Wir
suchen die Überforderung aller Beteiligten, zeitlich, affektiv und
intellektuell. Wir fordern ihre Unfähigkeit, Szenen zu gestalten. Die
Darsteller treten auf die Bühne als Individuen, die es ablehnen,
gedeutet zu werden. Die Stärke dieser schauspielerisch ungebildeten
Körper zeigt sich nicht in ihrer Verstellungsfähigkeit. Als Träger ihrer
eigenen Geschichte und bedingungslos hier und jetzt lassen sie sich
nicht verdauen. Daran liegen ihr Humor und ihre Kraft. „Ungebildet.“
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Die JTW - ein ort für kunst und Leben
ARBEIT, ZAHLEN, GELD
Aus dem JTW-Antrag auf Förderung durch das Bezirksamt Spandau,
Fassung vom 16.11.2007
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