MEHR TEMPO MEHR GLÜCK MEHR MACHT

 


MEHR TEMPO !


MEHR GLÜCK !


MEHR MACHT !



EINE CHORISCHE INTERVENTION ÜBER DIE REPUBLIK IN SPANDAU
AUS ANLASS DER 775. JAHRFEIER DER STADT


28. Mai 2007 Voraufführung Bürgersaal im Rathaus Spandau
  1. Juli 2007  Voraufführung beim Kultursommer im Falkenhagener Feld
27. 10. 2007  Premiere beim 1. Spandauer Rathausfest , 16 und 17 Uhr

Dauer 20 Minuten

Regie Carlos Manuel

Mit: Zackes Brustik, Marco Euent, Tino Farentholz, Lukas Hoffmann, Frederike Holzki, Jenny Kauka, Rudi Keiler Gòmez de Mello, Peggy Klinkert, Andrea Manke, Carlos Manuel, Gianni Masarié, Natalia Matthies, Anna Oussankina, Martina Malte Rathmann, Lea-Sophie Salfeld, Michael Schmidt, D. Schmitt, Alina Wolff.

 

„Wenn die Lebenden mit der Geschichte nicht verkehren,
dann muss man die Toten fragen.“ Alexander Kluge


Auf Einladung des Stadtrats für Bildung, Kultur und Sport zeigten Spandauer Theatergruppen zur 775-Jahrfeier Szenen aus 8 Jahrhunderten der Stadtgeschichte. Die JTW beleuchtete das 20. Jahrhundert.

Unter Leitung von CARLOS MANUEL entwickelten wir für dieses Ereignis in einem 10 tägigen Workshop eine für uns neue Openair-Theaterform. Eine Gruppe von Menschen erscheint fast überraschend und spricht als Chor historische und literarische Texte, zumeist vom Beginn des Jahrhunderts. Bisweilen löst sich ein Individuum aus der Gruppe, um kurz darauf wieder mit ihr zu verschmelzen. Diese Masse Mensch ist ständig in Bewegung und formiert sich immer wieder neu. Neben Informationen über die Besetzung des Rathauses durch den Arbeiter- und Soldatenrat in Spandau, über Auseinandersetzungen zwischen dem Spartakusbund und der SPD, über bewaffnete Kämpfe auf Spandauer Straßen und über die Aufbruchstimmung nach der Abdankung des Kaisers und die Hoffnungen der Bürger auf die neue Demokratie sehen wir auch eine Auseinandersetzung mit dem Mensch als Masse und als Individuum. Formal gelingt das durch die chorische Theaterform, inhaltlich durch die Brüche in der Erzählung. Da ist einmal von den geschichtlichen Ereignissen die Rede und dann hören wir, was die Männer von ihren Frauen halten, da skandiert der Chor Wünsche und Forderungen der Bevölkerung und dann erzählen die Schauspieler von ihren aktuellen Träumen.
 


Der Stücktext / Die Musik


SEIT TAUSEND JAHREN
IST DIE OBRIGKEIT SO GEORDNET,
DASS ICH
ÜBER DAS WAS ICH WILL
NUR ABSTIMMEN KANN,
WENN ICH DEM,
WAS ICH NICHT WILL,
EBENFALLS ZUSTIMME.

SO HABE ICH DAS NICHT GEWOLLT.


Alexander Kluge Die Patriotin (1979)


MEIN SOHN, WAS IMMER AUCH AUS DIR WERDE
SIE STEHN MIT KNÜPPELN BEREIT SCHON JETZT
DENN FÜR DICH, MEIN SOHN, IST AUF DIESER ERDE
NUR DER SCHUTTABLAGERUNGSPLATZ DA, UND DER IST BESETZT.

MEIN SOHN, LASS ES DIR VON DEINER MUTTER SAGEN:
AUF DICH WARTET EIN LEBEN, SCHLIMMER ALS DIE PEST.
ABER ICH HABE DICH NICHT DAZU AUSGETRAGEN
DASS DU DIR DAS EINMAL RUHIG GEFALLEN LÄSST.

WAS DU NICHT HAST, DAS GIB NICHT VERLOREN.
WAS SIE DIR NICHT GEBEN, SIEH ZU, DASS DU’S KRIEGST.
ICH, DEINE MUTTER, HAB DICH NICHT GEBOREN
DASS DU EINST DES NACHTS UNTER BRÜCKENBÖGEN LIEGST.

VIELLEICHT BIST DU NICHT AUS BESONDEREM STOFFE
ICH HAB NICHT GELD FÜR DICH NOCH GEBET
UND ICH BAUE AUF DICH ALLEIN, WENN ICH HOFFE
DASS DU NICHT AN STEMPELSTELLEN LUNGERST UND DEINE ZEIT VERGEHT.

WENN ICH NACHTS SCHLAFLOS NEBEN DIR LIEGE
FÜHLE ICH OFT NACH DEINER KLEINEN FAUST.
SICHER, SIE PLANEN MIT DIR JETZT SCHON SIEGE –
WAS SOLL ICH NUR MACHEN, DASS DU NICHT IHREN DRECKIGEN LÜGEN TRAUST?

DEINE MUTTER, MEIN SOHN, HAT DICH NICHT BELOGEN
DASS DU ETWAS GANZ BESONDERES SEIST
ABER SIE HAT DICH AUCH NICHT MIT KUMMER AUFGEZOGEN
DASS DU EINMAL IM STACHELDRAHT HÄNGST UND NACH WASSER SCHREIST.

MEIN SOHN, DARUM HALTE DICH AN DEINESGLEICHEN
DAMIT IHRE MACHT WIE EIN STAUB ZERSTIEBT.
DU, MEIN SOHN, UND ICH UND ALLE UNSERESGLEICHEN
MÜSSEN ZUSAMMENSTEHN UND MÜSSEN ERREICHEN
DASS ES AUF DIESER WELT NICHT MEHR ZWEIERLEI MENSCHEN GIBT.


Bertolt Brecht Wiegenlieder (1932)


DIE ZAHL DER IN SPANDAUS RÜSTUNGSINDUSTRIE BESCHÄFTIGTEN
STIEG WÄHREND DES KRIEGES VON 15 AUF 70 TAUSEND.
DIE ZAHL DER MÄNNLICHEN ARBEITSKRÄFTE GING AUF 25 % ZURÜCK.
DIE ZAHL DER JUGENDLICHEN UND VOR ALLEM DER FRAUEN NAHM ERHEBLICH ZU.

JANUAR 1918
SPANDAUER MUNITIONSARBEITERINNEN STREIK
FRIEDEN UND BROT!

AM 8. NOVEMBER 1918,
FÜNF TAGE NACH DEM AUSGANG DER REVOLUTION IN KIEL,
STELLEN DIE ARBEITER DER ZEPPELINWERKE IN STAAKEN IHRE TÄTIGKEIT EIN.
DER STREIK WURDE ALSBALD VON SÄMTLICHEN RÜSTUNGSBETRIEBEN BEFOLGT.
DIE POLITISCHEN HÄFTLINGE IN SPANDAUER GEFÄNGNIS WURDEN BEFREIT.



(REVOLUTIONÄRE SICHERHEITSAUSSCHUSS!)
AN DIE EINWOHNERSCHAFT SPANDAUS!
AN DIE SOLDATEN!

DIE STADT SPANDAU
BEFINDET SICH IN DER GEWALT DES ARBEITER UND SOLDATEN RATS.
WIR ORDNEN HIERMIT AN, DASS VON HEUTE AB
ALLE EINWOHNER SPANDAUS
VON 8 UHR ABENDS
SICH IN DEN WOHNUNGEN AUFZUHALTEN HABEN.
DAS TRAGEN UND DER VERKAUF VON WAFFEN IST STRENGSTENS VERBOTEN.
WIRD JEMAND BEIM PLÜNDERN VON LÄDEN, WOHNUNGEN,
STAATS- UND PRIVATEM EIGENTUM ANGETROFFEN,
SO WIRD ER ERSCHOSSEN.
DIE ARBEITER WERDEN AUFGEFORDERT,
SICH ZUR BILDUNG EINER ARBEITER WEHR ZU MELDEN.
DIE LEBENSMITTELVERSORGUNG MUSS SICHERGESTELLT WERDEN.
ES IST STRENGSTENS VERBOTEN,
BROT, KARTOFFELN USW.
IN GRÖSSEREN RATIONEN ZU KAUFEN.
DER ARBEITER- UND SOLDATEN RAT SPANDAU.
9. NOVEMBER 1918!


AM 11. NOVEMBER FAND AUF DEM EXERZIERPLATZ AN DER WILHELMSTRASSE
EINE VOLKSVERSAMMLUNG STATT.
50 TAUSEND PERSONEN HABEN DARAN TEILGENOMMEN.
DIE DEUTSCHE REPUBLIK WIRD OFFIZIELL AUCH IN SPANDAU VERKÜNDET.

AM 7. JANUAR 1919 DRANGEN ANHÄNGER DER SPARTAKISTEN IN DIE SITZUNG DES ARBEITER- UND SOLDATEN- RATS IM SPANDAUER RATHAUS
EIN UND ZWANGEN DIE VERTRETER DER SPD ZUR NIEDERLEGUNG IHRER ÄMTER.

AM MORGEN DES 10. JANUARS WURDE DAS RATHAUS GESTÜRMT.
EINE ANZAHL VON SPARTAKISTEN KAM UMS LEBEN.
FÜNF HAUPTFÜHRER DES SOLDATENRATS AUF DEM TRANSPORT NACH TEGEL ERSCHOSSEN.

ICH BIN ICH WAR ICH WERDE SEIN.

AM 22. FEBRUAR, LEGTEN DIE 11 TAUSEND BESCHÄFTIGTEN DER GEWEHRFABRIK
AUF DIE NACHRICHT VON DER ERMORDUNG VON KURT EISNERS IN MÜNCHEN HIN DIE ARBEIT NIEDER.

AUSNAHMEZUSTAND.

AM 5. MÄRZ RÜCKTEN 6 TAUSEND MANN
STARKE VERBÄNDE DES FREIKORPS HÜLSEN IN SPANDAU EIN.
FÜNF TAGE SPÄTER WAR DER STREIK UNTERDRÜCKT.
DAS FREIKORPS ZOG NACH LICHTENBERG AB.

AM 22. MÄRZ WURDE DER ARBEITER- UND SOLDATEN- RAT AUFGELÖST.

DIE SPANDAUER MILITÄRWERKSTÄTTEN WURDEN MIT IHREN 50 TAUSEND BESCHÄFTIGTEN GESCHLOSSEN.



Bezirksamt Spandau von Berlin 75 Jahre Rathaus Spandau (1988)
Deutsch Historisches Museum www.dhm.de
Wolfgang Ribbe (Hrsg.) Slawenburg Landesfestung Industriezentrum - Untersuchung zur Geschichte Spandaus (1983)
Ewald Riemann Munitionsarbeiterstreik im Berlin in Januar 1918


ICH WAR EINMAL EIN MANN. KEIN BESONDERER MANN. KEIN FÜHRER.
EIN ARBEITER.
MEINE FRAU HATTE ICH IN DER FABRIK KENNEN GELERNT.
SIE EIN ZARTES FRAUCHEN,
ER EIN KERL WIE AUS STAHL.
ALS DER GROßE „HELDENKRIEG“ AUSBRACH, ZOGEN SIE MICH EIN.
ALS INFANTRISTEN.
KINDER HATTE ICH KEINE.
DAZU LANGTE DER LOHN NICHT.
ALS ER NOCH ZU HAUSE WAR, HATTE ER SEIN WEIB LIEB, DAS VERSTEHT SICH.
ABER ERST DA DRAUßEN IM FELD DACHTE ICH IMMER AN SIE.
EIN GROßER WUNSCH KAM SO ALLMÄHLICH IN MIR AUF: EIN KIND!
NEIN, ZWEI ... DREI ... VIER ... FÜNF KINDER!
JUNGENS! MÄDELS!
WAS MUSSTE SEIN WEIB FÜR EINE PRACHTMUTTER WERDEN!
VERGESSEN WAR,
WIE ES IN EINER ARBEITERFAMILIE AUSSCHAUT,
WENN VIELE KINDER DA SIND.
EINMAL IN DER SCHLACHT BEKAM ICH EINEN SCHUSS.
EINEN HEIMATSCHUSS!
ALS ICH IM LAZARETT AUFWACHTE, BETASTETE ICH MEINEN KÖRPER.
ICH FÜHLTE EINEN VERBAND AM BAUCH.
AHA, EIN BAUCHSCHUSS.
UNSER EUNUCH WIRD AUCH SCHON WACH.
ER WOLLTE AN SEINE FRAU DENKEN.
ER WOLLTE SICH AUFHÄNGEN.
ER KAM NACH HAUS.
NICHTS SEHEN WIR VONEINANDER. NICHTS WISSEN WIR VONEINANDER.
MEIN WEIB VERACHTETE MICH NICHT,
MEIN WEIB HASSTE MICH NICHT,
MEIN WEIB VERLACHTE MICH NICHT.
SIE KONNTE TUN, WAS SIE WOLLTE,
SIE WAR EIN GESUNDES WEIB UND ICH EIN KRANKER MANN.
ABER ... DAS WEIB HATTE ... SEINE SEELE LIEB.


Ernst Toller Der deutsche Hinkemann (1921/22)
 


WOHLFAHRTSSTAAT!!!
DIE GRUNDLAGE DER WOHLFAHRT IST DIE BRÜDERLICHKEIT.
DIE UMWERTUNG ALLER WERTE.

TREPPEN-, KÜCHEN-, BADEZIMMER- FENSTER GEHEN ZUR STRASSE;
STUBEN- FENSTER UND BALKONS NACH DER RÜCKSEITE DER HÄUSER,
NACH SÜDEN.

LICHT, LUFT UND SONNE.
PARK, SPIEL UND SPORT.
DER STAAT SIND WIR!
WOHLFAHRTSSTAAT!!!

RECHT ALLER AUF BILDUNG!
ARBEITER ABITURIENTENKURSE
ARBEITER VOLKSHOCHSCHULEN
ARBEITER ABENDGYMNASIUM

RECHT ALLER AUF BILDUNG!
DEUTSCHE HOCHSCHULE FÜR LEIBESÜBUNGEN
DEUTSCHE HOCHSCHULE FÜR POLITIK
DEUTSCHE AKADEMIE DER ARBEIT

AM BESTEN GEFALLEN HABEN DIE MASSENFREIÜBUNGEN.

BEMÜHE DICH KEUSCH ZU BLEIBEN!
LEIBESÜBUNGEN!!!
SPORT UND SPIEL, SCHWIMMEN UND WANDERN.
ENTHALTSAMKEIT IST NICHT SCHÄDLICH!

RECHT ALLER AUF BILDUNG!
REICHSAUSSCHUSS FÜR LEIBESÜBUNGEN
LEIBESÜBUNGEN IM HAUSHALT
FREIE SCHWIMMER SPANDAU


Deutsches Hygiene Museum www.dhmd.de
Rudolf Fritz Die Republik in Spandau. Der politische und soziale Fortschritt erlebt in Berlin. (1982)
 


ICH WAR FREI.

DIE WÄRTER,
DIE DIE MÄNNER BESTAHLEN UND DIE FRAUEN AUF DEN KLOSETTS VERGEWALTIGTEN.
DIE WOLLTEN EINMAL EINEN TOTEN IN DIE FLEISCHEREI BRINGEN,
DARAUS SOLLTE WURST GEMACHT WERDEN.
DAS SOLLTEN WIR DANN ZU ESSEN BEKOMMEN.
WARUM HATTEN SIE MICH EIGENTLICH IN DIE ANSTALT GEBRACHT?
ICH HATTE MEINE FRAU EIN PAAR MAL VERHAUEN,
DAS WAR DOCH MEIN GUTES RECHT,
ICH WAR DOCH VERHEIRATET.

RECHTEN, LINKEN, SPECK UND SCHINKEN.
RECHTEN, LINKEN, SPECK UND SCHINKEN.
RECHTEN, LINKEN, SPECK UND SCHINKEN.


TECHNIK DES GLÜCKS

I

DER MENSCH SCHREIT,
WEIL ER EINZELN IST,
UND WEIL ER ALS EINZELNER FRIERT.

DU MUSST ARBEITEN.
WER NICHT ARBEITET, SOLL AUCH NICHT ESSEN.
WIR SIND UNGLÜCKLICH, DENN WIR ARBEITEN.
WIR SIND UNGLÜCKLICH, WEIL WIR NICHT ARBEITEN.

JEDER WIDERSPRUCH ENTHÄLT EIN GLÜCKSGEFÜHL.
DIE INTENSITÄT DES WIDERSPRUCHS SCHWEIßT ZUSAMMEN.
IM ZUSTAND DES WIDERSPRUCHS ERLEBT MAN,
DASS PRODUKTION GLÜCK IST.

NICHT MEHR STREBEN, HOFFEN, SICH SEHNEN – NUR DA SEIN.


Georg Heym Der Irre (1911)
Franz Jung Die Technik des Glücks (1916-1918)
 


KINDERSTIMMEN WECKTEN MICH AUF,
EIN KLEINER JUNGE UND EIN KLEINES MÄDCHEN.
MIT EINEM SATZE SPRANG ICH AUF UND LIEF DEN KINDERN NACH.
ICH HOLTE DIE KINDER EIN UND SCHLUG DIE KÖPFE DER BEIDEN GEGEN EINANDER.
EINS, ZWEI, DREI, EINS, ZWEI, DREI UND BEI DREI
KRACHTEN DIE BEIDEN KLEINEN SCHÄDEL IMMER ZUSAMMEN WIE DAS REINE DONNERWETTER.
ICH BEGANN WIE IN EINER VERZÜCKUNG UM DIE BEIDEN LEICHEN HERUMZUTANZEN.
DABEI SCHWANG ICH MEINE ARME WIE EIN GROSSER VOGEL,
UND DAS BLUT DARAN SPRANG UM MICH HERUM WIE EIN FEUERIGER REGEN.


TECHNIK DES GLÜCKS

II

LAUF NIEMALS WEG.

DER ZWANG IST DIE SICHERUNG UND DIE HÜLLE UNSERES GLÜCKS.
DER ZWANG IST RHYTHMUS.
ERST DER ZWANG MACHT DEN MENSCHEN FREI.

NICHTS ENTWICKELT SICH, WAS DU NICHT ENTWICKELST.


Georg Heym Der Irre (1911)
Franz Jung Die Technik des Glücks (1916-1918)


NUN WAR ICH VOR MEINER TÜR UND KLINGELTE.
MEINE FRAU HATTE ANGST VOR MIR,
MEINE FRAU.
UND NUN SPRANG ICH IN EINEM GROSSEN SATZ GEGEN DIE TÜR.
UND ICH STÜRZTE HINEIN.
NIRGENDS WAR ETWAS, ALLES LEER.
IN DER KÜCHE WAR AUCH NICHTS.
ABER DA WAR SIE JA, DA LIEF SIE JA HERUM.
SIE SAH AUS WIE EINE GROSSE GRAUE RATTE.
SO ALSO SAH SIE AUS. / SO ALSO SAH SIE AUS. / SO ALSO SAH SIE AUS.
SIE LIEF IMMER AN DER KÜCHENWAND ENTLANG, IMMER HERUM,
UND ICH RISS EINE EISERNE PLATTE VON DEM OFEN UND WARF SIE NACH DER RATTE. ABER DIE WAR VIEL FLINKER. / DIE WAR VIEL FLINKER. / DIE WAR VIEL FLINKER.
UND DAS BOMBARDEMENT DER EISERNEN HERDRINGE KRACHTE GEGEN DIE WÄNDE,
DASS DER STAUB ÜBERALL HERUNTERRASSELTE.
DU SCHLAFBURSCHENHURE,
DU SAU,
DU...


TECHNIK DES GLÜCKS

III

DER GLÜCKLICHE FREUT SICH NICHT,
WEIL,
WER SICH FREUT NICHT GLÜCKLICH IST.

DAS GLÜCKSBEWUSSTSEIN IST NICHT AN PERSONEN UND OBJEKTE GEBUNDEN.
ES IST NICHT DER INTENSITÄTSINHALT EINES SEINS,
SONDERN EINES WERDENS.

LASS DIE DINGE NICHT GEHEN.
GEH AUCH NICHT ALLEIN.
IMMER MIT DEN DINGEN GEHEN.


Georg Heym Der Irre (1911)
Franz Jung Die Technik des Glücks (1916-1918)


ICH KAM AN EINE TÜR,
DIE SICH FORTWÄHREND DREHTE.
BEKAM EINEN STOSS UND WAR PLÖTZLICH IN EINER WEITEN HALLE.
DA WAREN UNZÄHLIGE TISCHE, VOLL KLEIDER.
ALLES SCHWAMM IN EINEM GOLDIGEN LICHTE.
DONNERWETTER, IST DAS EINE FEINE KIRCHE!


TECHNIK DES GLÜCKS

IV

WAS WOLLT IHR – LEBEN ODER SCHICKSAL!
DIE MENSCHEN HELFEN SICH NICHT EINANDER,
SONDERN MITEINANDER.

WIR SIND SCHON IN BEWEGUNG.

MEHR TEMPO! MEHR GLÜCK! MEHR MACHT!


ICH WAR EIN GROSSER WEISSER VOGEL ÜBER EINEM GROSSEN EINSAMEN MEER.
WARUM WAR ICH NICHT SCHON LANGE EIN VOGEL GEWORDEN?



Georg Heym Der Irre (1911)
Franz Jung Die Technik des Glücks (1916-1918)
 


ICH FLIEGE UM ZU BEOBACHTEN.
DABEI GLEITE VORN ÜBER GEBEUGT ÜBER MEINE UMWELT
UND KANN DABEI VON ANDEREN NICHT GESEHEN WERDEN.
FRIEDERIKE H.

ICH FLIEGE IM ALL.
GANZ KLEIN DER KÖRPER UND SCHWERELOS.
PLÖTZLICH STÜRZE ICH IN EIN TIEFES LOCH.
MARTINA-MALTE R.

ICH FLIEGE NIE.
GIANNI M.

ICH FLIEGE OFT,
AUCH IN BEGLEITUNG ANDERER.
ZUERST STOßE ICH MICH VOM STANDORT AB UND STARTE MIT AUSGEBREITETEN ARMEN.
ICH KANN SOGAR ÜBER DEN WOLKEN FLIEGEN.
PEGGY K. AUS B.

WENN,
DANN FALLE ICH NUR RUNTER.
IMMER ABWÄRTS,
GANZ TIEF.
MICHAEL S.

ICH FLIEGE.
ICH STARTE VON EINEM HOCHHAUS
UND LASSE MICH MIT AUSGEBREITETEN ARMEN
LANGSAM VON WIND TREIBEN.
A. LINA W.

ICH FLIEGE IMMER WENN ICH WILL.
ICH FLIEGE UM DES FLIEGENS WILLEN.
ICH STARTE WIE SUPERMAN
UND FLIEGE SCHNELL!
ANNA O.

ICH KENNE DIE INTERNATIONALE!
DIE HAT DREI STROPHEN.
DETLEV S.

ICH FLIEGE SCHWIMMEND.
ICH SCHWIMME FLIEGEND.
WIE EIN FROSCH.
NATASCHA M.

FRÜHER FLOG ICH AB UND ZU.
NICHT SEHR HOCH, DAFÜR ABER SENKRECHT!
LUKAS H.


HINTER DER TÜR ERSCHIEN EIN MANN,
LEGTE EIN GEWEHR AN DIE BACKE,
ZIELTE.
DER SCHUSS TRAF MICH IN DEN HINTERKOPF.


BESINNUNG!
ÜBERLEGUNG!
DEPRESSION!
AUFSCHWUNG!
UND WIEDER BESINNUNG!


Georg Heym Der Irre (1911)
Hans Eisler in Heiner Goebbels, Eisler Material (2000)
 


IM JAHR 1929 HATTE DER SPD POLIZEIPRÄSIDENT VON BERLIN, KARL ZÖRGIEBEL,
DIE 1.-MAI-DEMONSTRATIONEN IN BERLIN VERBOTEN.

DER ARBEITER ZEICHNET SICH DURCH EIN NEUES VERHÄLTNIS ZUM ELEMENTAREN AUS.

BEI DEN DEMONSTRATIONEN,
WURDEN VON DER SCHUTZPOLIZEI 32 BERLINER ARBEITER ERSCHOSSEN.

DER ARBEITER ZEICHNET SICH DURCH EIN NEUES VERHÄLTNIS ZUM ELEMENTAREN AUS.

ZÖRGIEBEL ERHIELT VON NAZISTAAT SEINE PENSION.
1953 ERHIELT ER DAS GROßE VERDIENSTKREUZ DER BRD.
IN SPANDAU WIRD ER HEUTE NOCH DURCH EINE NACH IHM BENNANTE STRAßE GEEHRT.


DIE PARTEI HAT VON SPANDAU AUS BERLIN EROBERT.
WAS SOLL DENN DA GEWESEN SEIN?
VON SPANDAU AUS BERLIN EROBERT!
SO VIELE JUDEN GAB ES JA GAR NICHT IN SIEMENSSTADT.
VON SPANDAU AUS!
DAS VOLK HAT SICH JA LUFT GEMACHT.
AUS!


Deutsch Historisches Museum www.dhm.de
Ernst Jünger Der Arbeiter: Herrschaft und Gestalt 1932
Alois Kaulen/Joachim Pohl Juden in Spandau (1988)
Wolfgang Ribbe (Hrsg.) Slawenburg Landesfestung Industriezentrum - Untersuchung zur Geschichte Spandaus (1983)
Ökumenischer Arbeitskreis Reichspogromnacht in Spandau 9. November 1938–1988
 


WO SOLL DAS HIN?


GROSSVATER STÖFFEL
ISST DEN BROTAUFSTRICH MIT DEM LÖFFEL
DIE KRUMME LINE
KOCHT DAS PFERDEFLEISCH MIT MARGARINE
WITWE PLEM WÄSCHT IHREM GROSSEN
ZWEIMAL DIE WOCHE DIE UNTERHOSEN
DIE FAMILIE SCHOBER
HEIZTE VORIGES JAHR SCHON IM OKTOBER
BEI DREHER FICHTE
BRENNT OFT NOCH NACH NEUN UHR DAS LICHTE.
WENN MAN SO WAS HÖRT, SAGT MAN: UNBESEHN
EIN SOLCHES VOLK MUSS UNTERGEHN!



Bertolt Brecht Kinderlieder (1937)
 


MEHR TEMPO! MEHR GLÜCK! MEHR MACHT!

Giorgio Agamben Die kommende Gesellschaft 2006
Bezirksamt Spandau von Berlin 75 Jahre Rathaus Spandau 1988
Bertolt Brecht Wiegenlieder 1932/ Kinderlieder 1937
Deutsch Historisches Museum www.dhm.de
Deutsches Hygiene Museum www.dhmd.de
Alfred Döblin November 1918
Wolfgang Engler Bürger, ohne Arbeit 2005
Rudolf Fritz Die Republik in Spandau. Der politische und soziale Fortschritt erlebt in Berlin. 1982
Heiner Goebbels Eislermaterial (mit Ensemble Modern) 2000
Boris Groys/Michael Hagemeister Die Neue Menschheit 2005
Georg Heym Der Irre 1911
Gerhard Hinz Spandau im Zweiten Weltkrieg 2002
Ludwig Hoffmann/Daniel Hoffmann-Ostwald Deutsches Arbeitertheater 1918-1933
Ernst Jünger Der Arbeiter: Herrschaft und Gestalt 1932
Franz Jung Die Technik des Glücks 1916-1918
Alois Kaulen/Joachim Pohl Juden in Spandau 1988
Bernhard Kellermann 9. November
Alexander Kluge Die Patriotin 1979
Bernard Manin Kritik der repräsentativen Demokratie 2007
Ökumenischer Arbeitskreis Reichspogromnacht in Spandau 9. November 1938–1988
Erwin Piscator Das Politische Theater 1929
Wolfgang Ribbe(Hrsg.) Slawenburg Landesfestung Industriezentrum - Untersuchung zur Geschichte Spandaus 1983
Ewald Riemann Munitionsarbeiterstreik im Berlin in Januar 1918
Peter Sloterdijk Zeit und Zorn. Politisch-psychologischer Versuch 2006
Einar Schleef Droge Faust Parsifal 1997
Carl Schmitt und Joachim Schickel Gespräch über den Partisanen 1969
Ernst Toller Der deutsche Hinkemann 1921/22
Slavoj Zizek Die Revolution steht bevor. Versuche über Lenin 2002


 


Dank:
Diese Arbeit wurde möglich durch die Unterstützung der Volkshochschule Spandau, Abteilung Junge VHS, Leitung Doris Blank und einer Spende der Firma Siemens