Vor dem Gesetz

VOR DEM GESETZ

Ferien-Theater-Projekt mit Carlos Manuel

1. AUFTAKTWOCHENENDE:  

ZEIT:  Sa 4. + So 5.12.2010, 13 - 19 Uhr
ORT:  FIZ-Ost (Familie im Zentrum), Westerwaldstr. 15-17, 13589 Berlin.

Das apfelgrüne Gebäude liegt nicht direkt an der Straße, sondern hinter dem Klubhaus (Westerwaldstr. 13, zur Zeit eine Baustelle) und gegenüber der blauen Mensa der benachbarten Grundschule. Der Bus M37 zu unserer Haltestelle "Westerwaldstr." fährt direkt vor dem Rathaus Spandau ab. Projekttelefon: 0177 - 245 18 76.

2. FERIENSEMINAR MIT PERFORMANCE:

ZEIT: 27. - 31.12.2010, 13-19 Uhr, Performance am 30.12.2010
ORT: Ehemaligen PLUS-Supermarkt, Westerwaldstr. 1

Der Bus M37 zu unserer Haltestelle "Westerwaldstr." fährt direkt vor dem Rathaus Spandau ab. Projekttelefon: 0177 - 245 18 76.

KEINE KOSTEN:

Das Projekt der JugendTheaterWerkstatt Spandau ist kostenlos, denn es ist gleichzeitig politisches Bildungsseminar der  jungen vhs spandau.  

PROJEKTBESCHREIBUNG:

Ausgehend von Kafkas Kurzgeschichte VOR DEM GESETZ entwickeln wir eine Theaterperformance. Der Text scheint sich einer Inszenierung zu verweigern.  Am Beginn der Arbeit steht daher die Recherche, eine Suche, auch nach der eigenen Haltung.  Wie kann man sich das geschriebene Material persönlich aneignen, wie die Problematik beleuchten?

Das Einführungswochenende 4./5.12. dient der Recherche:  Wir sammeln Material und fragen: Was ist unsere Haltung gegenüber dem Gesetz?  Welche Regeln finden wir falsch? Was und wie wollen wir es erzählen?  Wir sammeln auch Extremfälle einer persönlichen Positionierung anderer und sichten dazu aktuelle Ereignisse wie Stuttgart 21.

In der Ferienwoche 27.-30 oder 31.12. entwickeln wir aus der so entwickelten Fragestellung heraus und  mit Hilfe weiterer von uns dazu gesammelten Textbausteine eine Theatervorstellung oder Performance.

VOR DEM GESETZ von Franz Kafka

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. «Es ist möglich», sagt der Türhüter, «jetzt aber nicht.» Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: «Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kam nicht einmal ich mehr ertragen.» Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: «Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.» Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. «Was willst du denn jetzt noch wissen?» fragt der Türhüter, «du bist unersättlich. » «Alle streben doch nach dem Gesetz», sagt der Mann, «wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?» Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: «Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.»

LITERATURLISTE

REGIE:

Pina Bausch:        Kontakthof / Blaubart / Café Müller / Nelken usw.
Jérôme Bel:         Ballets C. de la B.
Bertolt Brecht:	    Das Messingkauf / Schriften zum Theater (Kleines Organon für das Theater)
Denis Diderot:      Das Paradox über den Schauspieler 1773
Stan Douglas:       Journey into Fear 2002
Richard Foreman:    s. Markus Weßendorf:   Die Bühne als Szene des Denkens 1998
William Forsythe:   William Forsyth Improvisation Technologies (youtube)
	s. Gerald Siegmund: William Forsythe. Denken in Bewegung 2004 und:
	Abwesenheit: eine performative Ästhetik des Tanzes 2006
Jerzy Grotowski:    Für ein armes Theater 1970
Tadeusz Kantor:     Theater des Todes 1983
Hans-Thies Lehmann: Das politische Schreiben. Essays zu Theatertexten 2002
Needcompany / Jan Lauwers:	
                    Snakesong / Macbeth / usw.
Christoph Marthaler:Murx den Europäer / Die Stunde Null oder die Kunst des Servierens usw.
David Roesner:      Theater als Musik. Verfahren der Musikalisierung in chorischen Theaterformen 
                    bei Christoph Marthaler, Einar Schleef und Robert Wilson 2002
Einar Schleef:      Droge Faust Parsival 1997
Christoph Schlingensief:
                    Chance 3000 / Ausländer Raus / usw.
Societas Raffaello Sanzio / Romeo Castellucci:	
                    Giulio Cesare/ Genesi/ Tragedia Endogonidia usw.
Georges Tabori:     Othelo / Mein Kampf / Kanibalen usw.
Robert Wilson:      Einstein on the Beach/ Death Destruction & Detroit/ 
                    Doctor Faustus Lights the Lights
Peter Zadek:        Lulu / Othelo usw.

Bibliotheken/Videotheken

Institut für Theaterwissenschft www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we07
Mime Centrum Berlin www.mimecentrum.de

VOR DEM GESETZ 1915 FRANZ KAFKA

Hartmut Binder:     Vor dem Gesetz – Einführung in Kafkas Welt 1993
Klaus Michael Bogdal:
                    Textanalysen von Kafkas „Vor dem Gesetz“ 1993
Gilles Deleuze / Felix Guattari:	
                    Kafka. Für eine kleine Literatur 1975
Arne Höcker / Oliver Simons (Hrsg.):	
                    Kafkas Institutionen 2007
Joseph Vogl:        Ort der Gewalt. Kafkas literarischer Ethik 1990
Manfred Voigts(Hrsg):
                    Franz Kafkas „Vor den Gesetz“ Aufsätzen und Materialien 1994

POLITIK

Giorgio Agamben:    Die Kommende Gemeinschaft 2002
Marc Augé:          Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit 1994
Albert Bandura:	    Lernen am Modell 1976
Luc Boltanski/Laurent Thévenot:	
                    Über die Rechtfertigung: Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft 2007
Bertolt Brecht/ Heiner Müller:	
                    Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer 1926/1978
Michel de Certeau:  Das Schreiben der Geschichte 1991
Pierre Clastres:    Staatsfeinde. Studien zur politischen Anthropologie 1976
Michel Foucault:    Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses 1977
Christian Geulen:   Vom Sinn der Feindschaft 2005
Adrienne Goehler:   Verflüssigungen. Wege & Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft. 2006
Tom Holert / Mark Terkessidis: Flieh Kraft – Gesellschaft in Bewegung 2006
Matthias Horx:      Das Buch des Wandels: wie Menschen Zukunft gestalten 2009
Alexander Kluge:    Poetische Kraft der Theorie 
                    & Alle Gefühle glauben an einen glücklichen Ausgang 2009
Michael Kumpfmüller: Nachricht an alle 2008
Thomas Meinecke:    Hellblau 2001
Thomas Oberender / Ulrike Haß (Hg):	
                    Zur Zukunft des Politischen 2002-2006
Carl Schmitt:       Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkungen zum Begriff des Politischen 1975
Tiquun:	Kybernetik und Revolte 2007
Unsichtbares Komitee (Hrsg.):	L’inssurection qui vient - Der kommende Aufstand 2010
Joseph Vogl:        Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen 1994, 
                    Gesetz und Urteil. Beiträge zu einer Theorie des Politischen 2003

Wikileaks:          www.wikileaks.org (Daniel Schmitt / Julian Assange)